«Niemand ist unsterblich»

GOSSAU. Nach achteinhalb Jahren hat der Gossauer Arzt Paul Bischof das Philosophie-Studium an der Uni Konstanz mit dem Master of arts abgeschlossen. Mit der Höchstnote. In seiner Masterarbeit befasst er sich mit der ärztlichen Sterbehilfe.

Rita Bolt
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Arzt Paul Bischof im Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis an der Lerchenstrasse 32 in Gossau. (Bild: Urs Bucher)

Arzt Paul Bischof im Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis an der Lerchenstrasse 32 in Gossau. (Bild: Urs Bucher)

GOSSAU. Paul Bischof strahlt Ruhe aus, wirkt besonnen. Seine Stimme hat eine angenehme Lautstärke und Tonlage. «Ich bin noch gelassener geworden. Und vielleicht denke ich noch ganzheitlicher», beantwortet er eine entsprechende Frage. Eigentlich wollte der Gossauer Mediziner aus Interesse an der Materie nur einige Semester Philosophie an der Universität Konstanz besuchen. Aber dann hat es ihm «de Ärmel innegno». Vor allem auch nach der aufrüttelnden und schwierigen Situation mit einer langjährigen Patientin. «Sie war neurologisch krank. Sehr krank», erzählt Bischof. Sie habe ihn gebeten, ihr Sterbehilfe zu leisten, wenn es soweit sei. Als die Frau dann im Sterben gelegen sei und unter grossen Schmerzen gelitten habe, habe sie mit letzten Kräften eine Nachricht geschrieben. Er habe sie nach ihrem Tod erhalten und sei betroffen gewesen. Auf dem Zettel stand: «Warum haben Sie mir nicht geholfen, mein Leiden zu beenden.» Er habe sich als Versager gefühlt. Im Philosophie-Studium habe er sich dann auch mit der Frage beschäftigt, ob das Leben in jedem Fall zu schützen und über alles zu stellen sei. Auch wenn eine Heilung ausgeschlossen werden könne.

Fragen im Buch beantwortet

Bischof hat sich mit der Legitimität ärztlicher Sterbehilfe auseinandergesetzt und die Masterarbeit darüber verfasst. Im Buch «Legitimität ärztlicher Sterbehilfe» (siehe Kasten) beurteilt der Allgemeinmediziner die aktive Sterbehilfe aus moralphilosophischer, rechtlicher und standespolitischer Sicht. «Dr. Bischof argumentiert entschieden, aber durchaus bedacht für die moralische Legitimität aktiver Sterbehilfe», schreibt Professor Peter Stemmer von der Universität Konstanz Fachbereich Philosophie im Gutachten über die Masterarbeit. Stemmer benotet die Masterarbeit mit der Höchstnote – mit 1,0. «Bei der Frage nach der Legitimität von Sterbehilfe handelt es sich um die ethische und rechtliche Beurteilung eines <Sterbenlassens infolge Unterlassung> oder einer <Tötung auf Verlangen>», sagt Bischof. Lebensschutz sei in unserer Gesellschaft einer der höchsten Werte, wenn nicht gar der höchste Wert und das Töten eines anderen Menschen aus eigennützigen Gründen verwerflich und löse Abscheu und Verachtung aus. Was aber ist moralisch erlaubt oder gar moralisch geboten? Fragen, über die der Gossauer Philosoph Bischof nachdenkt, und im Buch zu beantworten versucht.

Für ein Zweitstudium

Paul Bischof hat 1992 zusammen mit Bruno Damann in Gossau eine Arztpraxis eröffnet. Bischof ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Ultraschalldiagnostik und Manuelle Medizin. «Nach zehn Jahren hatte ich etwas Abnutzungserscheinungen», sagt Bischof und sagt lachend. «Ich kann aber nicht ruhen und entschloss mich deshalb, zu studieren.» Er schrieb sich in Konstanz für ein Zweitstudium Geschichte und Philosophie ein und hat die Praxis in Gossau trotzdem weitergeführt. «Normalerweise braucht man mindestens fünf Jahre für den Master of arts. Ich konnte mir Zeit lassen und habe nach achteinhalb Jahren abgeschlossen.»

Warum hat Bischof für seine Arbeit ausgerechnet die ärztliche Sterbehilfe gewählt? «Ein Mediziner kommt tagtäglich mit dem Tod in Berührung. Zudem ist die Frage nach der Legitimität von Sterbehilfe primär ein moralphilosophisches Problem», antwortet er. Seine Gedanken kreisen bereits wieder und er fragt: «Muss die Medizin versuchen, das Leben eines Patienten auf jeden Fall und ohne Rücksicht auf seine Lebensqualität zu verlängern, auch wenn nur um einige Wochen oder Tage?» Darüber sind die Meinungen gespalten. «Aktive Sterbehilfe kann in Einzelfällen für den schwer leidenden Patienten die einzige Möglichkeit sein, seinem Leiden ein Ende zu setzen», weiss Bischof. Die Medizin dürfe sich nicht aus der Verantwortung ziehen und die gewünschte Hilfe verweigern.

Tod gehört zum Leben

Der 52-Jährige spricht gelassen und bedacht über die ärztliche Sterbehilfe, die in der Schweiz verboten ist, in Holland aber seit 15 Jahren praktiziert wird. «Ohne dass die Patienten das Vertrauen in die Ärzte verloren haben». Der Tod gehöre zum Leben. «Wer nicht unerwartet durch einen Unfall oder plötzlichen Herztod aus dem Leben scheidet, wird sich früher oder später mit seinem eigenen Sterben befassen müssen», schreibt Bischof in seiner Masterarbeit. Denn Unsterblichkeit werde auch in Zukunft nicht zu erreichen sein.