Nicht ohne meinen Hund

Die nicht bewilligte Verteilung von «Doggy-Bags» an Obdachlose ist bei vielen auf Unverständnis gestossen. Nicht so in der Gassenküche. Zwei Hundehalter erzählen, warum sie sich ohne fremde Hilfe um ihre Vierbeiner kümmern möchten.

Janina Gehrig
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«Hält mich auf Trab»: Ami mit Hündin Lucy. (Bilder: Ralph Ribi)

«Hält mich auf Trab»: Ami mit Hündin Lucy. (Bilder: Ralph Ribi)

Er sitzt alleine an einem Tisch in der Gassenküche, die Ellbogen aufgestützt, nach vorne gebeugt. Es ist laut, am Nebentisch fallen die Spielwürfel. Als er den Kopf hebt, blicken müde Augen über den Brillenrand, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. «Bischi», so werde er genannt. Und alleine sei er nicht. Er zeigt unter die Bank, wo seine zehnjährige Hündin Chipsy liegt.

«Jeder hat eine Verantwortung»

Von den «Doggy-Bags», welche die Tierambulanz Thurgau an obdachlose oder bedürftige Hundehalter verteilen wollte (Tagblatt vom 14. Januar), hat Bischi nichts gehört. Dennoch hat er eine klare Meinung dazu: «Ich bin dagegen, dass Hundefutter abgegeben wird. Jeder hat eine gewisse Verantwortung. Mein Hund bekommt zu essen, noch bevor ich für mich Stoff hole.»

Sein Kollege mit dem Übernamen «Ami» setzt sich dazu. Eine dunkelblaue Strickmütze verdeckt das grau melierte Haar, er lächelt verschmitzt. Auch er hat Mühe mit der Geschenkidee, von der er - selbst Hundehalter - hätte profitieren können: «Wenn man Geld für Drogen hat, hat man auch Geld für den Hund», sagt er. Er sei dafür, dass Leuten im Notfall ausgeholfen werde, aber «wer es sich nicht leisten kann, soll sich keinen Hund zutun». Wenn das Geld knapp werde, kaufe er Futter auf Vorrat. Bischi doppelt nach, es sei eine Luxuseinstellung zu denken, wenn es nicht mehr reiche, werde einem sowieso geholfen. Erst einmal hat Ami finanzielle Unterstützung für seine zwölfjährige Hündin Lucy in Anspruch genommen: «Der Tierschutz bezahlte einen Beitrag an die Kastration, nachdem es dreimal Junge gab. Ich war gottefroh darum.»

Eine starke Unterstützung

Weder an Nahrung noch an tierärztlicher Versorgung mangelt es den Hunden von Bischi und Ami. Und vor allem nicht an Zuneigung. Die Vierbeiner scheinen an erster Stelle zu stehen. Bischi räumt ein: «Ich bin täglich auf der Gasse unterwegs. Natürlich gibt es auch solche, die ihre Hunde nicht gut behandeln.» Er selbst müsse sich jedoch von seiner Mutter immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, er sorge sich besser um den Hund als um sich selbst. Den Mischling aus einem Husky und einem italienischen Hirtenhund hat der 36-Jährige jemandem weggenommen, der ihn nicht gut behandelte. Seit zehn Jahren begleitet ihn Chipsy «Tag und Nacht und würde keinen Millimeter mehr von mir weichen», ist Bischi überzeugt. «Sie ist eine sehr starke Unterstützung für mich. Gerade, wenn es mir moralisch oder gesundheitlich nicht gut geht.» Ami hat seine Hündin auf der Gasse aufgelesen. Jemand hatte sie abgemagert stehen lassen. «Ich weiss nicht, was aus mir geworden wäre ohne sie», meint der 50-Jährige. Das Tier habe ihn auf Trab gehalten. Und vielleicht auch am Leben. Sicher ist, eines ohne Hund, das können sich beide nicht mehr vorstellen. Soziale Beziehungen ersetzten die Tiere nicht unbedingt. Aber «lieber einen Hund an der Seite als einen Kollegen, der mich anlügt», sagt Bischi. Während er erzählt, legt ihm Chipsy immer wieder die Pfote aufs Knie.

Tiere sind in guter Obhut

Die Tierhaltung werde für Leute am Rande der Gesellschaft oft zu einer Lebensaufgabe, bestätigt Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe. «Generell sind die Tiere in sehr guter Obhut», sagt er. Wenn sich zeige, dass jemand aufgrund seiner Abhängigkeit mit der Tierhaltung überfordert sei, suche man das Gespräch. Notfalls komme es zur Anzeige.

Das haben weder Bischi noch Ami zu befürchten. «Ich gäbe sie nicht für eine Million her», sagt Ami. Er auch nicht, meint Bischi, «für kein Geld der Welt».

«Ein treuer Begleiter»: Bischi mit Hündin Chipsy.

«Ein treuer Begleiter»: Bischi mit Hündin Chipsy.