Nicht nur gute Noten zählen

Bildungsstätten und Lehrbetriebe tauschen sich aus: Die Schulleiter der Oberstufenzentren Buechenwald und Rosenau erklären, was seit der Oberstufenreform in Gossau zu beachten ist. Lehrbetriebe sagen, was für sie wirklich zählt.

Irène Unholz
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Ronja Schmid absolviert eine Lehre als Floristin bei Blumen Belser in Gossau. Dort zählt Kreativität. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ronja Schmid absolviert eine Lehre als Floristin bei Blumen Belser in Gossau. Dort zählt Kreativität. (Bild: Hanspeter Schiess)

GOSSAU. Mit der Oberstufenreform, die im Sommer 2012 in Kraft getreten ist, hat sich einiges verändert. Was Lehrbetriebe bei der Interpretation von Zeugnissen und weiteren Leistungsausweisen nun beachten sollten, erklären die Schulleiter der Oberstufenzentren Buechenwald und Rosenau an einer Infoveranstaltung vergangenen Dienstag im Oberstufenzentrum Buechenwald. Anschliessend kommen Lehrbetriebe zu Wort und sagen, worauf sie wirklich achten.

«Seit der Reform findet der Englischunterricht nicht mehr auf Sek- oder Realschulniveau statt», erklärt Thomas Eberle, Schulleiter des Oberstufenzentrums Buechenwald. Neu gebe es drei Schwierigkeitsstufen. So steht neben der Note nun auch ein Niveau im Zeugnis. Roger John, Schulleiter des Oberstufenzentrums Rosenau, betont, dass das Zeugnis allein keinen Überblick über die Leistung eines Schülers ermögliche. «Ein gutes Zeugnis ist gewissermassen eine Frage des Fleisses», sagt er. Beim Stellwerk-Test hingegen wird an einem Tag der ganze Stoff geprüft. «Hier punkten auch clevere Schüler, die wenig lernen», erklärt Roger John.

«Stellwerk» landet im Altpapier

Für Helena Hongler von der Papeterie Pius Schäfler sind Zeugnisnoten und Stellwerk-Ergebnisse zweitrangig. Zuvorkommenheit und Ausstrahlung sind ihr wichtiger. An Bewerbern mangelt es ihr nicht. Aber die Bewerbungen dürften etwas kreativer gestaltet werden, appelliert sie an die Schule. Kreativität wird auch von Floristen erwartet. «Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der diesem anspruchsvollen Beruf, Florist oder Floristin, gewachsen ist», sagt Nadine Heuberger von Blumen Belser. «Zurzeit treffen aber noch genug Bewerbungen ein.» Viele Handwerksbetriebe hingegen haben grosse Mühe, überhaupt Bewerber zu finden. Marcel Item von der Edy Heller AG sucht jeweils verlässliche, handwerklich begabte Lehrlinge. Getestet wird dies mit Aufgaben wie dem Zusammenschweissen von Rohren. Kann das jemand, befördert Marcel Item das «Stellwerk» ins Altpapier. Für Reto Huber von Huber Kunststoffe hingegen spielen Zeugnis und «Stellwerk» eine grosse Rolle. Auch er hat Mühe, Lehrlinge zu finden. «Es fehlen fähige Schulabgänger», beschwert er sich. Das Problem sei, dass Schüler ab einem bestimmten Notenschnitt aufs Gymnasium gingen oder von Banken und Versicherungen «abgegriffen» würden. Dabei gebe es viele andere interessante Möglichkeiten in der Realwirtschaft. Handwerkliche Begabungen sollten besser erkannt und gefördert werden, da sind sich Marcel Item und Reto Huber einig. Beatrice Nigg vom Altersheim Espel führt die Wunschliste gleich weiter: Möglichst früh sollten sich Lehrlinge bewerben. Vorher sollten sie nachfragen, ob die Lehrstelle noch frei sei. «Das verhindert unnötige Arbeit und Enttäuschung», sagt sie.

Zusammenarbeit erwünscht

Auf die Anregungen der Handwerker entgegnet Schulleiter Roger John, die Schule könne nicht für gewisse Berufsgattungen lobbyieren. «Unsere Aufgabe ist es, den Schülern mögliche Wege aufzuzeigen, ohne sie in eine Richtung zu drängen», sagt er. Einen Zusammenschluss verschiedener Betriebe, um sich den Schülern zu präsentieren, würde er sehr begrüssen. Denn viele Schülerinnen und Schüler suchten in einem sehr kleinen Spektrum. «Die Gender-Thematik ist immer noch da.» Für die Schule sei die Situation natürlich angenehmer als für die Betriebe. «Aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge gibt es mehr Lehrstellen als Lehrlinge», sagt John. Trotzdem dürfe die Schule nicht untätig bleiben. Er erhofft sich eine stetige Zusammenarbeit mit den Betrieben. «Schulrat Markus Hutter, der nächsten Monat das Präsidium des Gewerbevereins übernimmt, wird dabei ein wichtiges Bindeglied sein», sagt er. Konkrete Vorstellungen, wie die Zusammenarbeit aussehen soll, sind noch nicht da. Etwas wie den Verein Triebwerk aus St. Gallen zu schaffen, sei in Erwägung gezogen und wieder verworfen worden. Vorbilder wie die Arbeitsgruppe Schule und Wirtschaft Rheintal seien in Anbetracht der Ressourcen hiesiger Schulen und Lehrbetriebe realistischer.

Früh Entscheidungen treffen

Berufsberater Beda Zünd begreift die Not der Handwerker. Als Grund dafür sieht er in erster Linie die demographische Entwicklung, da in St. Gallen vergleichsweise wenige Schüler die Matura machen. Berät er Schüler, suche er mit ihnen eine Grundlage für die nächsten fünf bis sechs Jahre. Denn durch die frühe Einschulung müssten sich Schüler schon sehr früh für eine Lehre entscheiden. Diese Entscheidung sei dank des durchlässigen Bildungssystems keine für den Rest des Lebens mehr, sagt Beda Zünd. «Heute muss man querdenken.»