Nicht nur die Schönheit zählt

Kinder in Trachten, stolze Bauern und nervöse Kühe: Auf der Wiese beim Schlössli Haggen sind gestern die schönsten Kühe prämiert worden. Dabei ging es nicht nur um feste Euter und schöne Flanken.

Janina Gehrig
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Herausgeputzt haben sich für die Viehschau nicht nur die Kühe. (Bild: Ralph Ribi)

Herausgeputzt haben sich für die Viehschau nicht nur die Kühe. (Bild: Ralph Ribi)

Von weitem ist Glockengebimmel zu hören. Kuhfladen weisen den Weg zur Wiese beim Schlössli Haggen. Dort stehen sie bereits in Reih und Glied, die gekürt werden wollen. Stampfen von einem Huf aufs andere, zerren an ihren Halftern, während ihnen die Bauern, mit Wasserkübeln und Bürsten bewaffnet, die Hintern abwischen. Es ist Viehschau, nichts soll dem Zufall überlassen werden.

«Ein schöner Stress»

Da trottet die nächste Herde Kühe auf den Platz. Bald stehen sie kreuz und quer, da ein Ohr, dort ein wedelnder Kuhschwanz. Da hilft nur ein Stockhieb. «Ein schöner Stress für die Bauern», sagt eine ältere Frau zu ihrem Mann. Neben ihr zeigen Kinder kichernd mit dem Finger auf jene Kühe, die sich gerade erleichtern.

Bauer Felix Knöpfel wischt sich den Schweiss vom Gesicht. 35 Kühe haben mit ihm die sechs Kilometer von Staubhusen bis nach Haggen zurückgelegt. Mit dabei seien auch seine Frau, die drei Kinder, der Vater, Schwiegervater und der Lehrling. «Das ist ein spezieller Tag im Jahr. Dafür soll man sich Zeit nehmen», sagt er. Seine Kühe haben Knöpfel schon mehrere Wanderpreise eingebracht – in Form einer Kuhglocke. Dieses Jahr soll Bernina das Rennen machen. Seit 1978 bringt auch Bauer Walter Hofmann seine Kühe vom Hof beim Gübsensee zur Viehschau. «Das gehört einfach dazu», sagt er. Seine Tiere habe er schon am Vorabend mit lauwarmem Wasser geduscht. Und verrät: Am schönsten seien die Kühe einen Monat nach dem Kalben. «Dann haben sie nicht mehr so viel Babyspeck.»

Da ruft Pius Rüegg, Präsident des Viehzuchtvereins, per Mikrophon zur Prämierung. Es gilt ernst. Sechs Tiere darf jeder Bauer präsentieren. Eine Kuh nach der anderen dreht vor den voll besetzten Zuschauerbänken eine Runde. «Ein hervorragendes Tier», ruft der Kommentator. «Welch eine Flankentiefe», «schönes Sprunggelenk», «ein Euter, das viel Milch gibt». Eine Frau mit «Chüeligurt» macht Notizen. Bauer Knöpfel lächelt zufrieden. Soeben hat eine seiner Kühe einen Preis geholt.

Von den fehlenden Hörnern

Die Zuschauer stecken die Köpfe zusammen. Unter ihnen Emil Frischknecht mit Jahrgang 1935, Backpfeife rauchend. «Seit die Kühe keine Hörner mehr tragen, kann ich ihr Alter nicht mehr abschätzen. Das ist schade.» Denn mit jedem Kalb wachse der Mutterkuh ein Ring im Horn. Nebenan ist zu erfahren, warum es die Viehschauen überhaupt gibt. Früher, als die Kühe noch nicht künstlich besamt wurden, hätten sich mehrere Bauern gemeinsam einen Stier gehalten. Um Kühe zu züchten, die mehr Milch geben, habe man an Viehschauen nach den besten gesucht. Bauer Hofmann lacht und sagt: «Aber schon damals wusste man: Nicht immer geben ein schöner Stier und eine schöne Kuh ein schönes Kalb.» Das sei wie bei den Menschen.

Für den 14jährigen Bauernsohn Tobias, der sich in Appenzeller Tracht geworfen hat, zählen sowieso andere Kriterien als die Schönheit. Seine Lieblingskuh? «Elena. Weil sie eine Schelle trägt.»