Neuer Klöppel küsst Andreas

Die Gossauer Andreasglocke, die zweitgrösste Glocke der Schweiz, musste vor kurzem stillgelegt werden: Im Klöppel zeigte sich ein Riss. Seit gestern nun wird sie von einem neuen Klöppel geschlagen – oder im Fachjargon: geküsst.

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An die grosse Glocke gehängt: Thomas Muff, Geschäftsführer der Muff Kirchturmtechnik AG (links), und Kirchenverwaltungsrat Albert Forster bei der Montage des neuen Klöppels. (Bilder: Ralph Ribi)

An die grosse Glocke gehängt: Thomas Muff, Geschäftsführer der Muff Kirchturmtechnik AG (links), und Kirchenverwaltungsrat Albert Forster bei der Montage des neuen Klöppels. (Bilder: Ralph Ribi)

Andreas hält still und tropft. Die gewaltige, 8,7 Tonnen schwere Glocke ist nass vom Nebel, der durch den Glockenstuhl zieht, hoch über Gossau. In ihrem Innern hingegen, wo problemlos eine Handvoll Leute Platz findet, ist es trocken, und hier herrscht an diesem Vormittag emsiges Treiben: Der Klöppel, jenes Metallteil, das die Glocke beim Schwingen von innen anschlägt, wird ausgetauscht.

Am Kran in den Turm

Bei einer Glocke dieser Dimension – es ist die zweitgrösste schweizweit, nach der «grossen Glocke» im Berner Münster – kein leichtes Unterfangen. Im wörtlichen Sinn: Die Klöppel, der alte wie der neue, sind aus Stahl geschmiedet und wiegen beide mehrere hundert Kilogramm. Die Turmtreppe mit ihren über 150 Stufen ist keine Option. Ein Teleskopkran muss her.

Die Aktion ist minutiös geplant. Bereits am Mittag soll die grosse Glocke wieder schwingen. Unten auf dem Parkplatz vor der Kirche haben denn auch einige Falschparkierer das Nachsehen: Der Kran muss nah an den Turm heran und wird dicht hinter ihren Fahrzeugen in Position gebracht. «Zunächst lassen wir den alten Klöppel herunter, dann heben wir den neuen zum Turm hoch», sagt Thomas Muff, Geschäftsführer der Firma Muff AG, die die Kirchturmtechnik in der Andreaskirche betreut und in deren Schmiede der neue Klöppel entstanden ist.

Als der alte Klöppel am Boden anlangt, wird sichtbar, warum die grosse Glocke verstummt ist: Oberhalb des Ballens, der die Glocke anschlägt, ist ein Riss entstanden. «Einer unserer Mitarbeiter hat den Schaden vor einigen Wochen bei einer Kontrolle entdeckt», sagt Muff. Zum Glück: «Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn der Klöppel bei schwingender Glocke gebrochen wäre», sagt Mesmer Röbi Blättler, dem der Vorfall eine schlaflose Nacht beschert hat.

Alt war der Klöppel nicht: Erst 2006, während der Sanierung des Glockenstuhls, wurde er angebracht. Laut der Firma Muff, die den Klöppel damals bei einer Partnerfirma in Auftrag gegeben hatte, liegt ein Fabrikationsfehler vor. Was genau passiert ist, bleibt im dunkeln, da die Partnerfirma inzwischen nicht mehr existiert.

Auf der Leiter in der Glocke

Wie auch immer: Das neue Exemplar, das ein Schmiedehammer mit 100 Tonnen Wucht während Stunden in Form gebracht hat, soll vierzig bis fünfzig Jahre halten, wie Thomas Muff schätzt. Damit die Glocke möglichst wenig belastet und optimal angeschlagen – oder, wie die Fachleute sagen, geküsst – wird, wurden die Masse für den Klöppel millimetergenau berechnet. Schliesslich ist die Andreasglocke noch jung und soll noch eine Weile halten: Erst 1958 wurde sie in Aarau gegossen und in den Gossauer Kirchturm gehängt.

So klein der neue Klöppel aussieht, als er vor dem Zifferblatt der Turmuhr emporschwebt, so gewaltig wirkt er, als ihn die Kirchturmtechniker mit viel Körpereinsatz in den Glockenstuhl manövrieren. Die Kettenzüge rasseln, und Kirchenverwaltungsrat Albert Forster packt mit an, als es gilt, das stählerne Ungetüm unter der Glocke in Position zu bringen.

Die Andreasglocke ist so gross, dass die Kirchturmtechniker für die Arbeit in ihrem Innern eine Leiter brauchen. Aufgehängt wird der Klöppel überraschend simpel – an einem mehrlagigen Lederriemen. «Argentinisches Rindsleder», sagt Thomas Muff und lacht. An diesem Leder schwinge der Klöppel am besten. Bei der Montage kommen zudem vier Flachschrauben und Muttern der gröberen Sorte zum Einsatz.

Das tiefe F erklingt wieder

Um halb zwölf Uhr ist es so weit: Der neue Klöppel hängt. Thomas Muff schaltet die Läutmaschine ein. Die Glocke schwingt, der Klöppel küsst – und er küsst gut: Warm und ohne Scheppern ertönt das tiefe F der Andreasglocke, aus nächster Nähe zwar sehr laut, aber nicht unangenehm. «Ich bin sehr zufrieden», sagt Röbi Blättler nach dem Testläuten. Die Kirchturmtechniker sind es ebenso – und der heilige Andreas bestimmt auch: Am Andreasfest vom kommenden Wochenende wird nun passenderweise auch «seine» Glocke wieder erklingen. Adrian Vögele

Mit einem Teleskopkran wird der neue Klöppel zum Glockenstuhl gehoben.

Mit einem Teleskopkran wird der neue Klöppel zum Glockenstuhl gehoben.

Alt und neu: Der alte Klöppel weist einen Riss auf und muss ausgetauscht werden.

Alt und neu: Der alte Klöppel weist einen Riss auf und muss ausgetauscht werden.

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