Neuer Blick auf die Indianerkultur

Das Historische und Völkerkundemuseum hat seine Indianer- und Inuit-Sammlung neu gestaltet. Die neue Dauerausstellung ist nach Themen gegliedert und dokumentiert gleichzeitig den Austausch zwischen den Kulturen.

Beda Hanimann
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Einblick in fremde Kulturen: Kajakfahrer in der neu gestalteten Ausstellung «Indianer & Inuit – Lebenswelten nordamerikanischer Völker». (Bild: Michel Canonica)

Einblick in fremde Kulturen: Kajakfahrer in der neu gestalteten Ausstellung «Indianer & Inuit – Lebenswelten nordamerikanischer Völker». (Bild: Michel Canonica)

Dass der Nachtschnellzug in Wil nicht hält, ist absolut in Ordnung. Das befand der «St. Galler Stadtanzeiger» in seiner Ausgabe vom 2. November 1907. Und er schob nach: Ein Insistieren der Wiler wäre etwa gleich erfolglos wie eine Bitte der Sioux-Indianer an den amerikanischen Präsidenten, der Zug nach San Francisco möge bei ihren Wigwams anhalten.

Der zynische Kommentar stammt aus einer kleinen Presseschau, die Peter Müller für die Neugestaltung der Dauerausstellung über die indigenen Völker Nordamerikas zusammengestellt hat. Mit der kleinen Übersicht aus den Jahren 1874 bis 1923 will der Leiter Öffentlichkeitsarbeit zeigen, wie gross das Interesse am Thema damals war. Und wie vielfältig es sich in den hiesigen Medien niederschlug – vom abschätzigen Vergleich bis zur detaillierten Berichterstattung über Kämpfe zwischen Indianern und Regierungstruppen.

Spuren des Stickereibooms

Die Präsenz des Themas hatte auch mit dem St. Galler Stickereiboom zu tun. Die USA waren der wichtigste Handelspartner der Branche, es bestanden enge Kontakte, die reisenden Händler brachten regelmässig Sammelstücke nach Hause – und leisteten damit einen wichtigen Beitrag an das Völkerkundemuseum ihrer Heimatstadt. Die Indianer- und Inuit-Sammlung gehört heute zu den Kernbeständen des Historischen und Völkerkundemuseums, sie umfasst 500 Objekte. «Das ist eine Top-Sammlung mit einigen weltweit einmaligen Stücken», sagt Museumsdirektor Daniel Studer.

Nach Themen gegliedert

Als erster Schritt der Erneuerung des Dauerausstellungsbereichs ist nun diese Sammlung neu gestaltet worden. Die 2014 abgeschlossene Renovation des Museums bot die Gelegenheit, die Bestände nach neuen Erkenntnissen zu präsentieren und zahlreiche Exponate fachkundig restaurieren zu lassen, wie Studer sagt. Anstelle der bisherigen geographischen Präsentation sind die rund 100 gezeigten Objekte nun thematisch geordnet, wie die Museumspädagogin Jolanda Schärli erklärt. «Wir haben versucht, den Lebensweg dieser Menschen von der Geburt bis zum Erwachsenenalter abzubilden.»

Die vom deutschen Ethnologen Martin Schultz konzipierte Dauerausstellung beleuchtet Bereiche wie Erziehung, Geschlechterrollen, Sozialstruktur, Wirtschaftsformen, Ressourcen-Nutzung oder Religion. Die Palette der gezeigten Objekte reicht von Spielzeugen über Zigarettenetuis und Pfeifen, Kleidungsstücke und Zeltstoffe bis zu einem Schlitten vom Ende des 19. Jahrhunderts oder einem Gemälde des indianisch-kanadischen Malers Norval Morrisseau, der von 1931 bis 2007 lebte und als «Picasso of the North» bezeichnet wurde. Die Schau enthält ausserdem Module, die den Tast- und Geruchssinn ansprechen – und den Geschmackssinn: In den Hochbeeten vor dem Museum wachsen derzeit auch die drei typischen indianischen Pflanzen Mais, Kürbis und Tabak.

Der Austausch der Kulturen

Neu befindet sich die Nordamerika-Sammlung im Saal über dem Entrée, der von zwei Treppen erschlossen wird. «Ein schwieriger Raum, sowohl klimatisch wie durch seine Eigenschaft als Durchgangsraum», sagt Isabella Studer-Geisser, Kuratorin für Kunstgeschichte und aussereuropäische Kulturgeschichte. «Wir wollten die Architektur nicht konkurrenzieren und haben versucht, die natürliche Lichtführung in das Konzept einzubauen.» Die massgeschneiderten neuen Vitrinen schaffen zugleich Transparenz und Struktur.

Im angrenzenden Raum ist derzeit eine Reihe von hundertjährigen ethnographischen Figuren des Hamburger Völkerkundeschau-Betreibers Heinrich Umlauff ausgestellt – eine Rarität des St. Galler Museums, wie Daniel Studer sagt.

Zur Neugestaltung der Ausstellung ist eine Publikation mit Fachbeiträgen erschienen, die auch das Anliegen des Museums unterstreicht: Einerseits Einblick in fremde Lebenswelten zu geben, anderseits aber auch den sanktgallischen und europäischen Blick darauf sowie den gegenseitigen Austausch der Kulturen zu dokumentieren.

Vernissage: Morgen Fr, 18.30 Uhr