Neue Kunst im alten Komplex

Einem leerstehenden Bürogebäude im Osten hauchen drei Absolventen des Lehrgangs Bildende Kunst neues Leben ein. Bis am 23. November stellen sie dort ihre Werke aus. Heute findet die Vernissage vor ungewöhnlicher Kulisse statt.

Kathrin Reimann
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Simon Gehrig vor seiner haarigen Projektion, Angie Hauer mit ihrer Interpretation von St. Galler Spitze und Stephanie Amstad vor ihrem Selbstporträt (von links). (Bilder: David Suter)

Simon Gehrig vor seiner haarigen Projektion, Angie Hauer mit ihrer Interpretation von St. Galler Spitze und Stephanie Amstad vor ihrem Selbstporträt (von links). (Bilder: David Suter)

Der graue Gebäudeklotz an der Haggenstrasse 45 wirkt nicht nur verlassen; er ist es. Die Läden sind zu, der Briefkasten und die Klingel nicht angeschrieben, im Eingangsbereich herrscht gähnende Leere und kein Schild und auch kein Schriftzug deuten auf einen Mieter hin.

Neue Kleider aus Etiketten

Doch in zwölf der Zimmer, verteilt auf zwei Stockwerke, breiten sich derzeit Angie Hauer, Stephanie Amstad und Simon Gehrig aus. Von heute bis am 23. November zeigen die drei Absolventen des Pilotlehrgangs Bildende Kunst in St. Gallen jeweils am Wochenende ihre Kunst in der Ausstellung «Trexperiment». «Wir sind zu dritt, wir experimentieren viel und wagen auch mit dem Gebäude ein Experiment», begründet Angie Hauer den Namen. Die Hausfrau besitzt seit April ein Atelier in dem Gebäude. Dass sich in dem 4000-Quadratmeter-Komplex ansonsten lediglich eine Wohnung sowie ein Warenlager befinden, stört sie überhaupt nicht. «Mir gefällt es hier, die Räume sind hell und die Miete günstig.» Deshalb freut sie sich auch nicht auf den April 2016, wenn das Sozialamt hier einziehen soll.

Doch bis es so weit ist, widmet sie sich in dem verlassenen Gebäude weiterhin ihrer Kunst, die hervorragend in diese Räume passt: Angie Hauer richtet ihren Blick nämlich auf ignorierte und wertlose Materialien, die wir täglich sehen, aber nicht mehr wahrnehmen. So hängt etwa eine riesige Qualle, aufwendig aus Plastiksäcken gewoben, in einem der Büroräume, in einem anderen hängt ihr Hausfrauenzepter, im nächsten hat sie Gemüsesäcklein in St. Galler Spitze verwandelt und in einem weiteren hat sie aus Kleideretiketten neue Kleidungsstücke erschaffen. «Ich mache mir Gedanken darüber, woher etwas kommt, wohin es geht und über den Überfluss, in dem wir leben.»

Keine Angst vor Materialien

Im Zimmer nebenan hängen Linolschnitte von Simon Gehrig. Bei deren Motiven er sich vor allem von Tagesthemen inspirieren lässt. «Ich will nicht einfach etwas Hübsches gestalten, ich will mit dem Motiv spielen und etwas transportieren», sagt der Elektriker. In einem weiteren Raum hat er aus allen möglichen Fundgegenständen neue Objekte geschaffen. Dabei schreckt er vor keinem Material zurück und verwendet Kinderpuzzles, Jasskarten, Nuggis, Ballone oder Steine. Auch Zeichnungen im Stil der Kritzeleien, die man beim Telefonieren macht, hat er so zu Bild gebracht, dass man sie sich auch tatsächlich an die Wand hängen möchte. Und auch die Schweiz, bunt und durchmischt, wie er sie sieht, schaut man sich gerne an. Auch seine Haare, die er sich zweimal im Jahr schneiden lässt, hat er in einer Projektion verewigt.

Im unteren Stockwerk präsentiert Stephanie Amstad ihre Werke. Diese leben vom Zusammenspiel der leeren Räume und ihren Objekten. So erinnern aufgerissene Schränke, liegengebliebene Taschen oder ein einsamer Helm an Bilder aus Krisengebieten. In einem mit Plastikfolie ausgekleideten Raum und einem Selbstporträt bringt die Farbdesignerin ihre persönliche Note mit ein.

Am 7. November öffnet die Ausstellung ?TRExperiment? ihre Tore. Angie Hauer bei ihrem Werk. - schnitt - bild 3 - (Bild: David Suter (David Suter))

Am 7. November öffnet die Ausstellung ?TRExperiment? ihre Tore. Angie Hauer bei ihrem Werk. - schnitt - bild 3 - (Bild: David Suter (David Suter))

Am 7. November öffnet die Ausstellung ?TRExperiment? ihre Tore. Stephanie Amstad steht vor ihrem Werk. (Bild: David Suter (David Suter))

Am 7. November öffnet die Ausstellung ?TRExperiment? ihre Tore. Stephanie Amstad steht vor ihrem Werk. (Bild: David Suter (David Suter))