Nächster Halt: Stans

Seit 30 Jahren ist Mörschwil Geburtsort kleiner Lokomotiven und Wagen. Nun zieht die Hag Modelleisenbahnen AG um. Für den ehemaligen Besitzer Werner Gahler ein schwerer Schlag.

Martina Kaiser
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Hag zieht um. Was danach mit der geschichtsträchtigen Fabrikhalle an der Mörschwiler Bahnhofstrasse geschieht, ist noch unklar. (Bild: Ralph Ribi)

Hag zieht um. Was danach mit der geschichtsträchtigen Fabrikhalle an der Mörschwiler Bahnhofstrasse geschieht, ist noch unklar. (Bild: Ralph Ribi)

MÖRSCHWIL. Das weisse Herz hebt sich vom roten Untergrund ab. Werner Gahler zeichnet die Konturen nach, streicht über die kleine Lokomotive und lässt mit dem Zeigefinger die Rädchen kreisen. Spricht von seinem «Herzblut». Sein Herzblut, das sind sie alle. Die Lokomotive mit der Radio-Top-Werbung, die grüne mit dem Schützengarten-Bier. Oder die blaue mit der St. Galler Kathedrale und den Appenzeller Bergen darauf. Sie sind alle da, hier an der Bahnhofstrasse in Mörschwil, geschaffen von jenen, die selbst viel Geld für die gusseisernen Modelle ausgeben würden. Solchen wie Werner Gahler.

Mitarbeiter auf Stellensuche

Schon als Kind hat er mit der Modelleisenbahn seines Vaters gespielt, ist dann 1971 ins familieneigene Unternehmen eingestiegen und hat das Geschäft drei Jahre später von seinem Vater übernommen. Vor sechs Jahren musste Gahler die Firma verkaufen, «sonst wäre sie in Konkurs gegangen», wie er sagt. Er gab sie nicht gerne. Auch heute lässt sie ihn nicht los. Etwas traurig beobachtet er, wie ein Kunde nach dem anderen die Lokomotiven und Wagen am Lagerverkauf zu einem Schleuderpreis ergattert.

Ende Oktober möchte der neue Besitzer Adolf Schoch den Betrieb in der Innerschweiz weiterführen. Wahrscheinlich in Stans, vielleicht auch in Hünenberg im Kanton Zug, das sei noch nicht definitiv entschieden, sagt Schoch. Die Innerschweiz, weil er von da komme. «Die Ostschweiz ist für mich kein Thema.» Es gefalle ihm einfach nicht, auch mit dem Standort Mörschwil sei er nicht zufrieden: «Die Unterhaltskosten sind zu hoch, die Anlage ist veraltet.» Schoch möchte sich weder zum Kauf der Firma äussern noch zu seinen neun Mitarbeitern, die «grösstenteils» nicht weiterbeschäftigt werden. Nur so viel: «Einige Mitarbeiter sind noch auf der Suche nach einer neuen Stelle, einige haben bereits etwas gefunden.» Die Fabrikhalle wird nach dem Auszug vorerst leer stehen. Bis die neue Besitzerin, die Schips AG in Tübach, weiss, wie es weitergehen soll. Wie Geschäftsführer Martin Schips sagt, will er «alle Optionen prüfen» – und lässt dabei offen, ob wieder eine Firma in die Halle einzieht, sie für Wohnungen umgebaut oder gar abgebrochen wird.

Wohnungen oder neues Gewerbe

Ob im Gebäude nun Lofts entstehen oder ein Gewerbebetrieb einzieht, der Gemeinderat würde beides begrüssen, wie Mörschwils Gemeindepräsident Paul Bühler sagt. Wäre es eine Firma, sie wäre die sechste in der Geschichte der Fabrikhalle. Zuvor waren hier die Unternehmen Ackermann Zwirnerei, Füllemann Strümpfe, Zoller Schokolade und Vlesia Windeln tätig. «Sie alle waren bekannt. Und die Hag hat sich in Eisenbähnler-Kreisen sowieso einen Namen gemacht», sagt Bühler. Es sei traurig mit ansehen zu müssen, wie eine solche Firma ums Überleben kämpfe. Ums Überleben muss der Modelleisenbahn-Club Wittenbach-Kronbühl zwar nicht kämpfen, dennoch sei der Umzug der Hag für den Club und die Ostschweiz ein Verlust, wie Präsident Rolf Keller sagt. «Die Züge sind qualitativ sehr gut, und die Firma hat vor Ort immer Ersatzteile zweiter Qualität angeboten.» Ansonsten würde sich für ihn als Kunde nicht viel ändern. «Ich kann die Teile nach wie vor bei der Hag bestellen, da spielt es keine Rolle, ob sie ihren Standort nun in der Innerschweiz oder der Ostschweiz hat.» Ausserdem hätten er und seine Clubkollegen nur etwa zehn Prozent der Züge von der Hag gekauft, der Rest sei von Märklin, Rocco und anderen bekannten Modelleisenbahn-Unternehmen.

Bevor Hag die Gemeinde Mörschwil Ende Oktober endgültig verlässt, will Lokomotivliebhaber Rolf Keller noch die letzten beiden Lagerverkäufe nutzen. Diese finden am kommenden Freitag und am Mittwoch, 17. Oktober, jeweils von 9 bis 16 Uhr in den Produktionsräumen an der Bahnhofstrasse 48 statt.