Nachwuchs fürs Sitter Valley

ST.GALLEN. Mit der Initiative «IT St. Gallen Rocks» will die IT-Branche der Stadt St.Gallen für den «starken IT-Standort» werben. Die Werbung richtet sich in erster Linie an die raren Fachkräfte: Die arbeiten oft lieber in Zürich.

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Die IT-Branche stellt über zehn Prozent der Arbeitsplätze der Stadt St. Gallen – und es werden stetig mehr. (Bild: Urs Jaudas, Montage: Marion Oberhänsli)

Die IT-Branche stellt über zehn Prozent der Arbeitsplätze der Stadt St. Gallen – und es werden stetig mehr. (Bild: Urs Jaudas, Montage: Marion Oberhänsli)

ST. GALLEN. «Wir stellen bei der Rekrutierung fest, dass die Kandidaten eher einen weiten Weg nach Zürich in Kauf nehmen.» Einen weiteren Weg als in die nordöstliche Ecke der Schweiz jedenfalls, sagt Markus Kaufmann, Leiter Kommunikation bei der Abraxas Informatik AG. Zwar hat die Abraxas einen Standort in Zürich, doch ist sie auch am Hauptsitz in St. Gallen auf Softwareentwickler und andere Spezialisten im Informatikbereich angewiesen.

IT nur in Zürich wichtiger

Damit ist die Abraxas im Tal zwischen Rosen- und Freudenberg nicht allein. Über 10 Prozent der Leute, die in der Stadt beschäftigt sind, arbeiten in der IT-Branche. Die ist damit schweizweit nur in Zürich wichtiger. Abraxas, Abacus, Adcubum, Namics oder Haufe-Umantis heissen einige der wichtigsten IT-Unternehmen der Stadt. Und fast alle von ihnen suchen auf ihrer Website nach Mitarbeitenden. Hinzu kommen die Informatikabteilungen grosser Firmen wie Raiffeisen, Helvetia oder des Kantonsspitals. Doch wer in der Branche Arbeit sucht, denkt nicht zuerst an St. Gallen. «Der IT-Cluster ist Zürich», sagt Markus Kaufmann. Dort haben Grössen wie Google oder Microsoft ihre Schweizer Standorte.

Auch die frisch Ausgebildeten Fachkräfte sind meist schon näher an Zürich. Dort bilden die ETH und die Universität Informatiker aus. Näher an St. Gallen lägen die Fachhochschulen in Rapperswil und Winterthur, doch auch dort schaut man eher nach Zürich. «Wer dort die Ausbildung machte, sucht erst mal einen Job in der Umgebung», sagt Hermann Arnold, Verwaltungsratspräsident der Haufe-Umantis. Dabei ist die IT-Branche nicht zuletzt wegen der HSG in St. Gallen so stark. Wie Abacus oder Namics ist auch die Haufe-Umantis von HSG-Absolventen gegründet worden – wie Arnold selber einer war. «Es ist meist die gleiche Geschichte. Man hat während dem Studium angefangen und die ersten Leute angestellt – und bleibt dann hier», sagt er.

Ausser Bratwurst nichts los

Trotzdem hafte der Stadt St. Gallen ein «Randregionen-Image» an, sagt Martin Pulfer, Personalchef von Namics. Gute Bratwürste gebe es hier, aber sonst sei ausserhalb von Zürich in der Schweiz wenig los, glaubten viele. Das mache es schwierig, erfahrene Leute aus Zürich wegzulocken. Da Namics viel an Hochschulen werbe, habe das Unternehmen weniger Probleme, Berufseinsteiger anzuziehen. Aber «ein Ziel muss auch sein, die Leute in der Ostschweiz zu behalten», sagt Pulfer.

Allerdings sind Informatiker auch in Zürich Mangelware. Adcubum, die Software für die Krankenversicherungen entwickelt, hat neben dem St. Galler Hauptsitz auch einen Standort im Raum Zürich. «Der Fachkräftemangel ist nicht nur in St. Gallen ein Problem», sagt Claudia Grolimund, Leiterin der Personalabteilung der Adcubum – gerade wenn nicht nur Informatikfachwissen, sondern auch Kenntnis des Schweizer Gesundheitswesens gefragt ist.

St. Galler IT will rocken

Deshalb hat sich die IT-Branche der Stadt zu einem Verein zusammengeschlossen. Am 27. November startet dieser mit einem Konzert der Young Gods die Kampagne «IT St. Gallen rockt». Auf Plakaten, Inseraten und in sozialen Netzwerken soll für den «starken IT-Standort» geworben werden. Die Kampagne wolle vor allem drei Zielgruppen ansprechen, sagt Hermann Arnold, Präsident des Vereins. Informatiker, die bereits aus der Ostschweiz nach Zürich pendeln, sollen wissen, dass es auch in St. Gallen attraktive Arbeitgeber gebe. Auch Berufseinsteiger sollen motiviert werden, sich hier umzusehen. Die dritte Gruppe seien Leute, die zwar in Zürich wohnten, aber eine Verbindung zur Ostschweiz hätten – sie sollen zurückkehren.

Rückkehrer willkommen

Bei letzteren scheint St. Gallen bereits gute Chancen zu haben. «Wer die Ausbildung abgeschlossen hat, zieht erst in die Welt hinaus», sagt Claudia Grolimund. Nach St. Gallen kommen sie, «wenn sie sesshaft werden. Dann zieht es sie wieder in die Heimat.» Ähnliches stellt auch Martin Pulfer fest. Die «Nomaden» seien kaum nach St. Gallen zu bewegen, aber Ostschweizer mit etwas Heimatgefühl durchaus. Am Namics-Standort in Zürich sei die Fluktuation deutlich höher, sagt Pulfer. «Die Mitarbeiter in St. Gallen fühlen sich dem Standort mehr verpflichtet.» Das sei bei der Abraxas ähnlich, sagt Markus Kaufmann. Er sieht den Vorteil St. Gallens nicht zuletzt in der Lebensqualität, der «Mischung zwischen Urbanität und Überschaubarkeit».

Die Rückkehrer reichen aber nicht aus, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. «Bei uns arbeiten 20 Nationalitäten», sagt Hermann Arnold. Von den sechs Mitarbeitern, die seine Haufe-Umantis in den letzten drei Monaten einstellte, stammt nur einer aus der Schweiz – halb so viele wie aus Indien. Bis Ende Jahr will das Unternehmen bis zu 30 Leute zusätzlich einstellen. «Dazu kommen noch die Leute, die wir ersetzen müssen.»