Nachteule trifft auf «Supermond»

Als wäre man Teil einer geheimen Mission und es ginge um die Rettung der Erde: Wenn um 2.45 Uhr mitten in der Nacht der Wecker klingelt, dann muss ein wirklich besonderes Ereignis bevorstehen.

Angelina Donati
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Die Mondfinsternis beginnt: Der Mond im Schatten der Erde. (Bild: pd/Christian Knellwolf)

Die Mondfinsternis beginnt: Der Mond im Schatten der Erde. (Bild: pd/Christian Knellwolf)

Als wäre man Teil einer geheimen Mission und es ginge um die Rettung der Erde: Wenn um 2.45 Uhr mitten in der Nacht der Wecker klingelt, dann muss ein wirklich besonderes Ereignis bevorstehen. Wie eben in der Nacht auf Montag, als es von Mitteleuropa bis Mitte Nordamerika eine totale Mondfinsternis zu beobachten gibt. Gegen 3 Uhr scheint der Mond so hell, dass auf dem Balkon die erste Tasse Kaffee ohne zusätzliches Licht getrunken werden kann. Das allerdings schlaftrunken und bei frostigen Temperaturen.

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Ist um 3 Uhr der Mond noch richtig voll, zeigt sich wenige Minuten später ein anderes Bild: Plötzlich ist der Mond links oben wie «angefressen». Es sieht so aus, als befinde er sich jetzt in der zunehmenden Phase. Auf der Fahrt zur Sternwarte Antares nach Gossau intensiviert sich dieses Bild. Immer mehr wird der Vollmond zu einem Leermond. Eine Fahrt zu dieser Stunde hat es in sich. Aus dem Radio strömen sanfte Töne. «Chill-Mix» steht auf dem Display. Von der Hektik, die ein Morgen normalerweise mit sich bringt, ist nichts zu spüren. Im Gegenteil: Es ist ruhig, die Strassen sind ausgestorben und die Ampeln abgestellt. Gerade mal fünf Fahrzeuge sind auszumachen. Grund genug für einen Autolenker, zu hupen und freundlich zu winken.

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Angekommen bei der Sternwarte Antares kann hier schon fast von einem Menschenandrang gesprochen werden. Rund 20 Besucher haben sich unter der fürsorglichen Obhut von Ewgeni Obreschkow, Präsident des Astronomischen Vereins Antares, eingefunden. Jeder hält den «Supermond» mit seiner Kamera fest, und auch einen Blick durchs Teleskop will sich keiner entgehen lassen. Nebst dem Mond, der eigentlichen Attraktion, fasziniert aber auch das Leuchten der Sterne. Trotz Vollmond und eben genau wegen der Mondfinsternis sind die Sterne so deutlich zu erkennen, als stünde man inmitten einer Wüste. «Dort ist die Milchstrasse», sagt ein Besucher und zeigt auf eine Aufhellung am Nachthimmel.

Mittlerweile ist es nach 4 Uhr, als der Mond vollständig in den Kernschatten der Erde tritt. Jetzt stehen Sonne, Mond und Erde in einer Linie. Deutlich ist zu erkennen, dass sich der Mond rot verfärbt hat. «Durch die Brechung des Lichts in der Erdatmosphäre wird ein Teil des Sonnenlichts in den Kernschatten gelenkt», erläutert Obreschkow den staunenden Besuchern die Verfärbung. «Dieser Zustand wird nun etwa eine Stunde dauern». Die Zeit nutzt der Präsident, um das Publikum im Holzhäuschen der Sternwarte über das Geschehen zu informieren. Gebannt hören die Gäste seine Erläuterungen in Wort und Bild mit an.

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Wegen des Hochnebels, der sich am Sonntag bildete, stand bis kurz vor Beginn des Spektakels nicht fest, ob freie Sicht auf den Mond bestünde. Lange machte es daher den Anschein, dass aus dem Beobachten des «Supermonds» nichts werden würde. Der Antares-Präsident blieb zuversichtlich und hoffte bis zuletzt auf gute Sichtverhältnisse. Schliesslich wollte er ab 3 Uhr die Sternwarte für Besucher öffnen. Interessiert hat das seltene Ereignis viele.

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Selbst als der «Spuk» vorbei ist und der Mond aus dem Schatten heraustritt, stossen neue Zuschauer hinzu. Doch ausgerechnet jetzt bilden sich Nebelschwaden und hüllen den Mond ein. Zu sehen gibt es aber auch anderes: etwa den Orion, den Mars oder auch die Venus, die als «Morgenstern» mit ihrem Leuchten nicht zu übersehen ist. So schnell sich dann aber der Horizont erhellt, so schnell ist auch der Alltag wieder da. Auf dem Rückweg und kaum auf der Hauptstrasse angelangt, reihen sich die Autos im dichten Morgenverkehr. Aus dem Radio ertönen rockige Klänge. Und keiner winkt mehr freundlich. Mystisch bleibt dieser Montag aber trotzdem.

Die totale Mondfinsternis: Restlicht lässt den Mond rot leuchten. (Bild: Rolf Schärer)

Die totale Mondfinsternis: Restlicht lässt den Mond rot leuchten. (Bild: Rolf Schärer)