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NACHRUF: Die «Eigengängerin» ist gegangen

Ende Mai starb im Alter von 95 Jahren Pya Hug. Die aus dem Bündnerland stammende Aussenseiterkünstlerin hinterlässt ein einzigartiges und vielschichtiges Œuvre.
Brigitte Schmid-Gugler
Die Aussenseiterkünstlerin Pya Hug in Goldach. (Bild: Mario del Curto)

Die Aussenseiterkünstlerin Pya Hug in Goldach. (Bild: Mario del Curto)

Zum Glück gibt es diesen Film: Mario del Curto und Alex Mayenfisch haben ihn vor zwölf Jahren im Haus von Pya Hug realisiert. Gute zwanzig Minuten lang darf man der damals bereits über 80-jährigen Künstlerin lauschen. Man erfährt in der einfühlsamen Dokumentation, wer Pya Hug war. Wie sie lebte. Wie sie ihren unbeirrbaren Willen und ihre ­unermessliche Fantasie in ihre Kunst übertrug. Sie spricht mit den Besuchern aus der Waadt fliessend Französisch. Gelernt hatte sie die Sprache als junge Frau während mehrjähriger Aufenthalte als Haushalthilfe in Genf und Paris.

Stark geprägt von ihrer Kindheit im Bündnerland

Sie beendet manchen Satz mit einem «Mmhm», um dem Gesagen Nachdruck zu verleihen. Sie erzählt in einem Tonfall, den man auch einer Märchenerzählerin zuschreiben würde. Ihr erinnerter und teilweise auch dazugedichteter Fundus scheint unerschöpflich und reicht zurück in ihre Kindheit im Bündnerland. In Domat/Ems war sie im Jahr 1922 auf die Welt gekommen. Ihre Kindheit war geprägt vom katholischen Umfeld, aber auch von den Bergen, der Natur, den Tieren und von einer kindlichen Unbekümmertheit. Die Kinder durften auf dem Friedhof, ein Ort, den Pya Hug gerne und oft aufsuchte, mit den Totenschädeln spielen. Sie schildert, mit einer Verschmitztheit in ihrem ausdrucksstarken Gesicht, wie sie versuchten herauszufinden, um welche Tante, welchen Onkel es sich handeln könnte.

Der Tod hatte nichts Abschreckendes. Er gehörte zum Kreislauf des Lebens. Das Trauern war ein Ereignis. Die Toten wurden zu Hause aufgebahrt. Man betete, ass und trank. Mit der Vermengung von Gebet und Kreativität wollte sie ihr Leben verbringen. «Ma foi», resümiert sie. Zuerst kamen die Jahre als alleinerziehende Mutter ihrer beiden Söhne.

Nach der Scheidung stand für sie der Aufbau einer eigenen und unabhängigen Existenz im Vordergrund, der ihr als Betreiberin eines Antiquitätenladens vorzüglich gelang. Sie konnte in Goldach ein Haus mit Garten – den sie über alles liebte und sorgfältig pflegte – erwerben; dieses Zuhause wurde endlich zu ihrem künstlerischen Kosmos. Mit dem Wachs, den sie nach einer Phase des Malens als Arbeitsmaterial für sich entdeckte, entwickelte sich ihre Küche, in welcher sie auch alle ihre Gäste stets bekochte, zum «Alchemistenlabor», wie ihr Sohn, der Journalist Ralph Hug, erzählt.

Eingenwillige und unermüdliche Schafferin

Als die «Eigengängerin», die sie war, sein wollte (diese Zuschreibung stammt von ihr selber), schuf sie ein plastisches Universum der liebevollen und unerschöpflichen Hingabe an ihr Werk. Ihre lebensgrossen Figuren, die ornamentalen Bildteppiche, die dreidimensionalen Kabinette, in die hinein sie ihre Darstellungen «inszenierte», sind von opulenter Besetzung.

Ihr Schaffen, stark geprägt von religiösen Riten, Bräuchen und Votivbildern, stiess auf Resonanz: Das Sammlerpaar Mina und Josef John machten die damaligen Leiter des Museums im Lagerhaus, Simone und Peter Schaufelberger, auf die Aussenseiterkünstlerin aufmerksam. Im Jahr 2005 richteten sie Pya Hug eine Retrospektive aus. Es sollte die Krönung sein auf der langen Liste von kleineren und grösseren Ausstellungen in der Ostschweiz. Ihr Œuvre soll denn auch in die Sammlung des Museums beziehungsweise in die Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut übergehen.

Seit zwei Jahren wurde die 95-Jährige in der Demenzab­teilung Schäflisberg gepflegt. «Wenn es nichts mehr zu tun gibt, möchte ich lieber sterben», sagt sie im Film und blickt lächelnd in ihr Reich des wundersam Zwischenweltlichen.

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

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