Nachgefragt

«Litteringverbot hilft Nicht-Litterern» Seit zwei Jahren kann Littering gebüsst werden, aber Bussen werden kaum ausgesprochen (Tagblatt vom 12. Januar). Was nützt ein Gesetz, das nicht angewendet wird? Wenig, sagt der Rechtssoziologe Lukas Gschwend von der Universität St.

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Lukas Gschwend HSG-Rechtssoziologe (Bild: Quelle)

Lukas Gschwend HSG-Rechtssoziologe (Bild: Quelle)

«Litteringverbot hilft Nicht-Litterern»

Seit zwei Jahren kann Littering gebüsst werden, aber Bussen werden kaum ausgesprochen (Tagblatt vom 12. Januar). Was nützt ein Gesetz, das nicht angewendet wird? Wenig, sagt der Rechtssoziologe Lukas Gschwend von der Universität St. Gallen – aber Wirkung hat es trotzdem.

Herr Gschwend, was «bringt» ein Gesetz, das nicht angewendet wird?

Wenn ein Gesetz formal Teil der Rechtsordnung ist, aber nicht angewendet wird, ist das im rechtssoziologischen Sinn «totes Recht». Mit dem Littering-Verbot ist es offensichtlich ähnlich: Trotz häufiger möglicher Anwendungsfälle wird wenig gebüsst.

Das Littering-Verbot hat demnach keine Wirkung?

Doch. Es kann rechtskonform lebende Menschen in ihrer moralischen Überzeugung stärken. Wer sowieso aus Anstand nicht littert, fühlt sich bestätigt.

Den Nicht-Litterern geht es besser, wenn sie wissen, dass die Litterer bestraft werden können.

Man kann das so sagen. Es gibt dem ordentlichen Menschen Selbstbestätigung und führt zu einer Selbstvergewisserung, die viele Menschen als hilfreich und angenehm erleben. Ein psychologischer Mechanismus.

Und was passiert bei einem potenziellen Litterer?

Hier ist die Wirkung fatal. Wer keine Skrupel hat, Abfall in der Öffentlichkeit liegen zu lassen und nicht mit einer Sanktion rechnen muss, wird sein Verhalten nicht ändern. Die Nichtdurchsetzung von Verboten schwächt bei solchen Leuten die Autorität des Rechts und des Staats und stärkt die Bereitschaft zu abweichendem Verhalten auch in anderen Lebensbereichen.

Für den Staat ist es zweischneidig, ein Gesetz zu erlassen, das kaum angewendet wird.

Strafen sind die stärksten staatlichen Mittel zur Verhaltenssteuerung. Damit sollte der Staat möglichst sparsam umgehen.

Ist denn das Littering-Verbot aus rechtssoziologischer Sicht überhaupt sinnvoll?

Littering ist bis zu einem gewissen Grad eine normale Begleiterscheinung im Alltag einer Konsumgesellschaft. Aber es gibt Auswüchse, und dann wird Littering zu einem sozial schädlichen Verhalten, weil der Aufwand für die Entsorgung ausserordentlich wird. Man kann sagen: Ob das Littering-Verbot sinnvoll ist oder nicht, entscheidet sich mit der Zahl der Anwendungen. (kl)