Nach Unwettern gestöbert

Im Rahmen eines 14-Millionen-Projekts des Kantons zur Erstellung von Gefahrenkarten durchsuchen zwei Mitarbeiter eines Ingenieurbüros das Archiv des Tagblatts nach Berichten über Hochwasser und andere Naturereignisse.

Corina Tobler
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Hochwasser vor 100 Jahren: Markus Leidig (r.) und Adrian Honegger durchsuchen den Band von 1910 nach mehr Informationen. (Bild: Corina Tobler)

Hochwasser vor 100 Jahren: Markus Leidig (r.) und Adrian Honegger durchsuchen den Band von 1910 nach mehr Informationen. (Bild: Corina Tobler)

SEEREGION. «Der See ist seit Dienstagmittag plötzlich ganz unheimlich gestiegen; innert 24 Stunden ein Anschwellen von 50 Zentimetern», heisst es auf der vergilbten Seite des Tagblatts vom 16. Juni 1910. Der Seepegel erreichte damals in Rorschach eine Höhe von 397,8 m ü. M., siebzig Zentimeter über die Schadensgrenze. Der Journalist schreibt nicht nur von Hochwasser, sondern sogar von «Wasser-Verheerungen». Markus Leidig vom Ingenieurbüro Bart aus St.

Gallen beugt sich tiefer über den dicken, hundert Jahre alten Zeitungsband im Archiv der Redaktion Rorschach des Tagblatts. Den ganzen Tag blättert er zusammen mit Student Adrian Honegger alte Zeitungen durch und sucht im Auftrag des Kantons nach Berichten zu Naturereignissen wie Hochwasser oder Erdrutschen.

Projekt für 14 Mio. Franken

Laut den Bundesgesetzen über den Wald und den Wasserbau sind alle Kantone dazu verpflichtet, für Umweltschäden Gefahrenkarten zu erstellen und diese bei der Raumplanung zu berücksichtigen. Um solche Karten herstellen zu können, braucht es nebst Simulationen von Naturereignissen, die in geographischen Informationssystemen berechnet werden, auch eine Analyse von vergangenen Ereignissen. Die Richtigkeit der Berechnungen kann so an der Realität überprüft werden.

Das Projekt Naturgefahren hat im Kanton St. Gallen 2003 begonnen und dauert bis 2012. Budgetiert ist es mit 14 Mio. Franken. «Die Hälfte davon bezahlt der Bund, 7 Prozent die Gebäudeversicherungen und die restlichen Prozent der Kanton. Für die Gemeinden entstehen also keine Kosten», sagt Projektleiter Hubert Meusburger. Das Wissen, das mit dieser Investition gewonnen wird, kommt aber vor allem letzteren zugute. «Die Karten helfen den Gemeinden, bei Bauvorhaben und Einzonungen Gefahren aus dem Weg zu gehen.

» Das Ereigniskataster ist wichtiger Bestandteil der Karte: «Viele Leute schenken einer Warnung vor Naturgefahren keinen Glauben, wenn sie sich nicht an ein Ereignis erinnern können, und bauen etwa ihr Haus trotzdem an eine gefährdete Stelle. Das Kataster ist sozusagen ein Beweis, dass die Gefahr real ist.»

Genug Infos für Kartierung

Das Kantonsgebiet wurde für die Erstellung des Katasters in neun Regionen unterteilt, die etappenweise bearbeitet werden.

Leidig und Honegger von der Ingenieure Bart AG betreuen zurzeit die Gemeinden von Rorschach bis St. Gallen und suchen Informationen zu allen Naturschäden von der Mitte der 1990er-Jahre rückwärts. Das Tagblatt-Archiv, das bis 1849 zurückreicht, durchsuchen sie aber nicht einfach auf gut Glück. «Wir haben zunächst Chroniken und Jahrbücher nach Daten von Hochwasser, Erdrutschen, Felsstürzen oder Lawinen abgesucht. Anhand dieser versuchen wir jetzt, weitere Informationen zu bekommen.

» Anders, als man vielleicht denken würde, setzt sich diese Liste aber nicht nur aus einer Handvoll Ereignisse zusammen. Teilweise sind es mehrere Ereignisse pro Jahr, die aufgearbeitet werden müssen. Doch Leidig und Honegger finden fast immer eine Meldung in der Zeitung, teilweise stossen sie sogar auf sehr detaillierte Artikel. «Im besten Fall haben wir am Ende über ein Ereignis so genaue Angaben, dass wir es kartieren können», erklärt Leidig.

Wasser als Hauptgefahr

In der Seeregion stellt wenig überraschend das Wasser die grösste Naturgefahr dar. «Es ist aber nicht nur der See, der Probleme bereitet. Die Goldach hat nicht nur am 31. August 2002, sondern auch schon 1940 einmal kräftig gewütet. Auch die Bäche in Rorschacherberg treten hin und wieder über die Ufer, und sogar die eingedolten Gewässer in der Stadt Rorschach können gefährlich werden», sagt Leidig, dem es wichtig ist, dass die Gemeinden sich solcher Tatsachen bewusst sind.

Schliesslich gewinnen die Gefahrenkarten gerade auch in Anbetracht des Klimawandels stetig an Wert, da dieser vermehrt extreme Wetterereignisse zur Folge haben wird.

Kartierung als Idealfall: Mit genügend Angaben können Überschwemmungsgebiete wie hier 2002 an der Goldach genau bezeichnet werden. (Bild: zVg)

Kartierung als Idealfall: Mit genügend Angaben können Überschwemmungsgebiete wie hier 2002 an der Goldach genau bezeichnet werden. (Bild: zVg)

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