Muss Baukultur auffallen?

Was macht Architektur zur Baukultur? Zu dieser Frage sprach Stadtbaumeister Erol Doguoglu bei seinem Stadthausvortrag. Für ihn zählt Liebe zum architektonischen Detail mehr als ein aufgedonnertes «Luftschloss».

Josef Osterwalder
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Strassenwärter-Magazin an der Möwenstrasse; Beispiel, wie Baukultur auch beim Umbau einer ausgedienten Garage wegleitend sein kann. (Bild: Reto Martin)

Strassenwärter-Magazin an der Möwenstrasse; Beispiel, wie Baukultur auch beim Umbau einer ausgedienten Garage wegleitend sein kann. (Bild: Reto Martin)

In welche Richtung soll sich das Bauen in der Stadt St. Gallen entwickeln? Soll man wie andere Städte um den Auftritt von Stararchitekten buhlen und mit architektonischen Ikonen Stadtmarketing betreiben? Oder gibt es auch in der Baukultur einen «St. Galler Weg»? Um solche Fragen drehte sich der Stadthausvortrag, zu dem die Burgergesellschaft am Montagabend eingeladen hatte.

Er sollte Gelegenheit geben, am Diskurs um ein zentrales städtisches Thema teilzunehmen, wie Obmann Hansjörg Werder einleitend sagte. Vor allem aber diente der Abend auch dazu, die Vorstellungen Erol Doguoglus kennenzulernen, der seit einem Jahr das Hochbauamt leitet.

Magd des Marketings?

Gleich einleitend wurde klar, dass der Stadtbaumeister die Baukultur nicht zur Magd eines falsch verstandenen Standortmarketings machen möchte.

Gemeint ist ein Marketing, das im Wettbewerb von ausgefallener Architektur mitbieten, Stararchitekten anheuern und Megaprojekte ausführen will. Denn wie das Beispiel vieler «aufstrebender» Städte zeigt, gleichen sich ihre Silhouetten immer mehr einander an, obwohl oder gerade weil sie mit Wolkenkratzern unvergleichliche Zeichen setzen wollen.

Der Stadtbaumeister zitierte, was die Architekturtheorie von Las Vegas gelernt hat: Bei vielem, was als auffallende Architektur ins Auge springt, handelt es sich lediglich um einen «dekorierten Schuppen». Gemeint sind Gebäude, die im Kern nichts anderes sind als rechteckige «Schachteln», deren simple Gestalt aber mit einer aufgedonnerten Gestaltung der Front kaschiert wird. Das Gebäude entwickelt seine äussere Gestalt also nicht von der innern Funktion her. Vielmehr findet eine Trennung statt: im Innern die Funktion, an den Fassaden das Design.

Solche Gebäude nennt Doguoglu «Luftschlösser».

Sorgfalt im Detail

In einer Reihe von Beispielen zeigt er, dass Stadtgestaltung nicht nur dann stattfindet, wenn der architektonisch letzte Schrei enthüllt wird. Er erläutert das an ein paar Beispielen, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken, durch ihre Sorgfalt im Detail jedoch umso mehr überzeugen: eine Garage, die an der Mövenstrasse zum Strassenwärtermagazin umgebaut wurde; Wohnhäuser Auf dem Damm,

bei denen die Suva-Auflagen im Treppenhaus kreativ umgesetzt wurden; der Erlebnisgarten im Betagtenheim Riederenholz, der den Alltag der Heimbewohner bereichert. Überzeugend findet der Stadtbaumeister auch das Siegerprojekt für das Naturmuseum; nicht, weil es spektakulär, sondern auffallend sorgfältig durchdacht ist.

Plädoyer für Wettbewerb

Doguoglu hält ein Plädoyer für Wettbewerbe, gerade auch bei privaten Bauvorhaben. Auf diese Weise sehe man viel klarer, was an einem Ort möglich sei.

Zudem ist es dem Stadtbaumeister wichtig, dass die Architekten am Ort ihre Chance bekommen; dies, um der Baukultur ihre Kontinuität zu sichern.

In der Diskussion wurde der Stadtbaumeister nach seiner Meinung zu verschiedenen Bauten, auch zum Olma-Hochhaus, gefragt. Er wies darauf hin, dass solche Projekte von vielem abhängig seien: von den Finanzen, vom Bauherrn, von dessen Vorstellung von Baukultur – und auch vom Entscheid, ob man gleich «wie die andern» oder unverwechselbar bauen wolle.

Sein Wunsch wäre, dass es im kantonalen Baugesetz nicht nur einen Artikel gäbe, der offensichtliche «Verunstaltung» verbietet, sondern mit einer positiv formulierten Norm ein qualitätsbewusstes Bauen anstrebt.

St. Gallens Chance

Doguoglu formuliert seine Vorstellungen knapp und deutlich: St. Gallen habe durchaus die Chance, eine eigenständige und nachhaltige Baukultur zu entwickeln: «In der Nähe zu den Menschen unserer Region, in der sorgfältigen Balance von Herkunft und Zukunft. Und in der Liebe zum architektonischen Detail.»

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