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MUSKELKRAFT: Mit dem Velo bis nach China: Rorschacher spricht über Grenzerfahrungen

Der 30-jährige Rorschacher Gregor Bürkler ist mit dem Velo bis nach China gefahren. Dabei hatte der Velomechaniker sein Zelt, ansonsten nur das Nötigste. Über Gastfreundschaft, Hungerast und heulende Hunde.
Jolanda Riedener
Traumhafte Landschaften begleiteten Gregor Bürkler und seine Partnerin Claudia Enz auf dem Weg ins Reich der Mitte. (Bild: PD/Claudia Enz)

Traumhafte Landschaften begleiteten Gregor Bürkler und seine Partnerin Claudia Enz auf dem Weg ins Reich der Mitte. (Bild: PD/Claudia Enz)

Vor zehn Monaten ist der Rorschacher Gregor Bürkler mit dem Velo, beladen mit Zelt und wenig Gepäck in Richtung China losgeradelt. Begleitet hat den Mitinhaber des Rorschacher Velogeschäfts Rad 9 seine Partnerin Claudia Enz. Zusammen haben sie 14000 Kilometer sowie 168000 Höhenmeter zurückgelegt und 15 Länder bereist. Vor rund drei Wochen kehrten sie zurück an den Bodensee.

Herr Bürkler, wie haben Sie die Zeit unterwegs erlebt?
Gregor Bürkler: Zu Beginn habe ich mich an den neuen Rhythmus gewöhnen müssen. Ein Grossteil des Alltags drehte sich um grundsätzliche Dinge wie Lebensmittel einkaufen oder einen Schlafplatz organisieren. Und natürlich ums Velofahren.

Warum war das wichtig?
Wir mussten die bevorstehende Route immer gut planen und uns über die dort vorhandene Versorgung informieren. Manchmal gab es weit und breit keinen Laden, wo wir Lebensmittel oder Benzin zum Kochen kaufen konnten. Wir haben aber immer geschaut, dass wir eher zu viel Essen und Trinken dabei hatten.

Wo haben Sie übernachtet?
Normalerweise zelteten wir während etwa fünf Tagen, zwei Tage verbrachten wir im Hotel oder bei Leuten, die wir über das Netzwerk Warmshowers kennenlernten. Das ist eine Seite für Velofahrer, die nach einer Unterkunft suchen.

Hatten Sie nie ein ungutes Gefühl, im Zelt zu übernachten?
In Osteuropa gab es viele streunende Hunde. Ihr Heulen war jeden Abend zu hören. Aber auch daran haben wir uns gewöhnt. Im Zelt fühlten wir uns wohl. Es war unser Zuhause. Auch sonst hatten wir eigentlich nie Angst.

Nicht immer klappte es mit dem Visum, deshalb musste Bürkler einige Teile mit Schiff oder Zug überbrücken (blau: Veloroute). (Bild: PD)

Nicht immer klappte es mit dem Visum, deshalb musste Bürkler einige Teile mit Schiff oder Zug überbrücken (blau: Veloroute). (Bild: PD)



Wie wurden Sie von den Einheimischen wahrgenommen?
Man hat uns oft auf der Strasse angesprochen oder zugewinkt. Wir fielen auf, weil wir mit dem Velo unterwegs waren. Das konnten nicht alle nachvollziehen. Zum Beispiel in Kirgistan schüttelte ein Zöllner nur lachend den Kopf und meinte, uns Europäer verstehe er nicht: "Hier tun wir alles für technischen Fortschritt und ihr reist mit Velo und Zelt nach China!"

Hat Sie das zum Nachdenken gebracht?
Es ist natürlich ein Privileg, dass wir diese Reise bewusst mit dem Velo unternehmen konnten. Auch, dass wir nach zehn Monaten zurück in die Schweiz kommen konnten, um wieder unserer Arbeit nachzugehen.

Und wie haben Sie die einheimische Bevölkerung erlebt?
Je weiter wir von der Schweiz entfernt waren, umso gastfreundlicher wurden die Leute. Im Iran hat man uns oft eingeladen. Das gehört einfach zur Mentalität dort, dass man Reisende bei sich aufnimmt. Gerade in ländlicheren Gegenden ist es normal, dass man einander hilft.

Wie haben die Iraner auf Sie reagiert?
Sie haben uns oft gefragt, wie wir ihr Land wahrnehmen. Es war den Leuten dort wichtig, welches Bild wir von ihnen haben. Gleichzeitig haben sie sich sehr darüber gefreut, wenn wir sagten, es gefalle uns gut hier und die Leute seien nett. Viele Iraner, die wir getroffen haben, glaube ich, wollten uns den Iran als offenes Land zeigen.

Haben Sie sich unterwegs manchmal gefragt, «warum mache ich das überhaupt»?
Wenn der Hunger kam und die Energie weg war, litt auch die Motivation manchmal. Aber ansonsten machte es Spass. Dass wir im Iran umkehren mussten, war eigentlich auch nicht so schlimm. Einen Dämpfer hatten wir aber in Kirgistan, wo uns die Visaagentur einen Monat lang hinhielt. Wir sahen schliesslich keine Chance, in Kirgistan noch ein China-Visum zu erhalten. Da dachten wir ans Aufgeben. China änderte zudem alle zwei Wochen die Einreisebestimmungen. Wir haben dann unsere Pässe in die Schweiz geschickt und noch ein letztes Mal probiert, ein China-Visum zu erhalten. Schliesslich klappte es und die Freude war umso grösser.

Sie mussten tatsächlich umkehren?
Für Turkmenistan haben wir kein Visum erhalten. Das hat uns aber nicht so überrascht, weil es eine ziemliche Lotterie ist, eines zu kriegen. Deshalb mussten wir in Maschhad umkehren und eine andere Route wählen. Mit dem Bus ging es dann nach Baku und mit dem Schiff übers kaspische Meer, danach reisten wir mit dem Zug durch Kasachstan und nach Usbekistan.

Gab es nie eine Velo-Panne?
Doch. Auf dem Pamir Highway hatten wir viel Gepäck dabei, etwa 60 Kilo pro Person. Ein Felgen ging deshalb kaputt. Ich musste zurück in die Hauptstadt, um eine provisorische Ersatzfelge zu kriegen. Zum Glück konnte mir mein Geschäftspartner von Rad 9 später eine besonders stabile zuschicken.

Was war Ihr Höhepunkt?
Der Pamir Highway. Die Strasse gilt als Mekka für Velo- und Töfffahrer und führt bis auf 4655 Meter. Die Landschaft dort ist einmalig schön. Jeden Tag hatten wir einen traumhaften Zeltplatz.

Und was war am anstrengendsten?
In Usbekistan mussten wir in vier Tagen 600 Kilometer zurücklegen, da man sich alle 72 Stunden in einem Hotel registrieren muss. So fuhren wir zehn Stunden am Tag – bei einer Hitze von 45 Grad. Nach dieser Zeit war auch unser Hinterteil blau. Wir haben uns in dieser Zeit oft von Wassermelonen ernährt.

Wieso?
Die waren sehr lecker und wir hatten einen hohen Wasserbedarf. Wir hatten je zwölf Liter Wasser pro Tag zum Trinken dabei und weitere zehn Liter zur Abkühlung. Die Region dort ist sehr arm. Es wächst auch wenig. Unser Essen war eintönig. Zusammen mit der grossen Anstrengung kamen wir schon an unsere Grenzen. Deswegen war Essen in diesen Tagen unser Dauerthema.

Was haben Sie unterwegs vermisst?
Vor allem Käse. In China fehlte mir Brot. Das war jeweils ein guter Energielieferant für unterwegs. Wir mussten uns diesbezüglich etwas umstellen.

Ihr Ziel war China. Hat das Land Ihren Erwartungen entsprochen?
Es war eindrücklich. Den Gegensatz zwischen Stadt und Land habe ich stark wahrgenommen. Jeder Quadratmeter ist entweder verbaut oder wird landwirtschaftlich genutzt. Auf dem Land arbeiten die Leute von Hand. Die Städte hingegen verfügen über eine top Infrastruktur. Auf den Strassen in China zu fahren machte Spass, weil sie geteert und in gutem Zustand waren. Ganz anders als die Schotterpisten in Tadschikistan und Kirgistan. Ansonsten war es schwierig für uns, die Mimik und Gestik der Leute in China und Vietnam einzuschätzen. Wir haben uns mit Google-Übersetzungen durchgeschlagen.

Nach China reisten Sie dann aber weiter bis nach Vietnam.
Während den zwei Monaten in China war das Wetter oft schlecht. Mit dem Velo fuhren wir bis Hongkong und bewältigten die Taklamakan-Wüste mit dem Zug. Dafür gönnten wir uns in Vietnam etwas Wärme, bevor es zurück in die Schweiz ging.

Was schätzen Sie seit Ihrer Rückkehr besonders?
Es sind die kleinen Dinge. Zum Beispiel Deutsch zu sprechen oder wieder aufs Rennvelo zu steigen.

Bleiben Sie mit Leuten, die Sie unterwegs getroffen haben, in Kontakt?
Ja bestimmt. Wir schicken einem iranischen Freund ein Rennvelo um Danke zu sagen. Er weiss davon aber noch nichts.

Gregor Bürkler bei seinen Vorbereitungen in Rorschach vor seinem Abenteuer: Das Tourenvelo wurde für die Reise voll bepackt. (Bild: Jolanda Riedener)

Gregor Bürkler bei seinen Vorbereitungen in Rorschach vor seinem Abenteuer: Das Tourenvelo wurde für die Reise voll bepackt. (Bild: Jolanda Riedener)

Auf dem Pamir Highway traf das Paar auf andere Veloreisende. (Bild: PD/Claudia Enz)

Auf dem Pamir Highway traf das Paar auf andere Veloreisende. (Bild: PD/Claudia Enz)

Es gab auch aussergewöhnliche Begegnungen - nicht nur mit gastfreundlichen Menschen. (Bild: PD/Claudia Enz)

Es gab auch aussergewöhnliche Begegnungen - nicht nur mit gastfreundlichen Menschen. (Bild: PD/Claudia Enz)

Häufig übernachtete der 30-jährige Velomechaniker in einem Zelt. (Bild: PD/Claudia Enz)

Häufig übernachtete der 30-jährige Velomechaniker in einem Zelt. (Bild: PD/Claudia Enz)

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