MUSIKSCHULEN: Hier spielt die Musik

Die St. Galler Regierung will den freiwilligen Instrumentalunterricht im Volksschulgesetz verankern.

Katharina Brenner
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Den meisten Musikschulen im Kanton fehlt eine gesetzliche Grundlage. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Den meisten Musikschulen im Kanton fehlt eine gesetzliche Grundlage. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Jede Woche sind Tausende Instrumente im Kanton St.Gallen unterwegs. Geigen, und Gitarren, Flöten und Trompeten werden in Koffern in die Musikschulen getragen. Rund 26800 Personen haben im Kanton St.Gallen im Jahr 2015 eine Musikschule besucht. Gut 21000 davon waren Kinder und Jugendliche. Zahlen aus dem vergangenen Jahr liegen nicht vor, gemäss ­Angaben des Verbands St.Galler Volksschulträger (SGV) dürften sie gleich ausfallen. Im Kanton gibt es 30 Musikschulen. Die meisten sind integriert in einen Volksschulträger oder in eine politische Gemeinde. Manche sind als Zweckverband oder Verein organisiert; jede Musikschule hat ihre eigenen Strukturen. Was den meisten bisher fehlt: eine gesetzliche Grundlage. Würde eine Gemeinde beschliessen, als Sparmassnahme die ansässige Musikschule nicht mehr zu unterstützen, könnte das deren Ende bedeuten. Das will die St.Galler Regierung ändern. Sie reagiert damit auf die am 30. November 2015 gutgeheissene Motion «Gesetz über die ­musikalische Bildung im Kanton St.Gallen». Diese beruft sich wiederum auf ­einen Artikel der Bundesverfassung, der von den Stimmberechtigten am 23. September 2012 angenommen wurde. Er besagt, dass die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden soll. Die St.Galler Regierung schlägt deshalb vor, «im Volksschul­gesetz eine Angebotspflicht der Volksschulträger für freiwilligen Instrumentalunterricht zu verankern».

Schulleiter begrüssen die Vorlage mit einem Aber

Leiter verschiedener Musikschulen im Kanton begrüssen diese Gesetzesvorlage. Sie biete den Musikschulen Sicherheit und sei eine Wertschätzung der musi­kalischen Bildung, so der Tenor. Aber es gibt auch ein Aber. Urs Kuhn, Rektor der Schule Uznach, spricht von einem «ersten Schritt in die richtige Richtung». Die Gesetzesvorlage sage aber noch nichts über Qualität und Quantität des freiwilligen Musikunterrichts aus. Ähnliche Worte wählt Marlies Angehrn, Präsidentin des SGV. Der Verband vertritt die 92 Volksschulträger im Kanton St.Gallen. Zu seinen Aufgaben gehören die bildungspolitische Zusammenarbeit und Stellungsnahmen zu Fragen der Volksschule. Die gesetzliche Verankerung des freiwilligen Instrumentalunterrichts sei gewiss ein hilfreiches Konzept für die musikalische Förderung, sagt Angehrn. Aber man müsse die vielfältigen ört­lichen Realitäten im Auge behalten. «Eine kantonale gesetzliche Verankerung ist nicht von sich aus Garant einer sorg­losen Zukunft für die Musikschulen, insbesondere was die Finanzierung betrifft.» Individuelle Wünsche im Instrumentalunterricht zu erfüllen, hänge weiterhin von finanziellen Überlegungen und den Möglichkeiten der Eltern ab. Dabei könnten – soweit der politische Wille da sei – Verbindlichkeiten geschaffen werden für alle Musikschulen im Kanton. Als Beispiele nennt Angehrn die Qualität der Musikschulen, den Berufsauftrag und die Qualifizierung von Musik­lehrern. Wie weit man hier gehen werde, sei noch offen. Angehrn zeigt sich allerdings wenig optimistisch: «Ich rechne eher mit einer zurückhaltenden Regelung im Kanton St.Gallen.»

Grosse Unterschiede zwischen den Musikschulen

Auch Roland Stillhard sagt, er würde sich wünschen, dass ein Musikschulgesetz die Anstellungsbedingungen der Musikschullehrer regle. Er ist Präsident der Musikkommission des St.Galler Blasmusikverbands und Leiter der Musikschule Unterrheintal, welche die Gemeinden Au/Heerbrugg, Balgach, Berneck, Diepoldsau, Oberegg und Widnau umfasst. Die Unterschiede zwischen den Musikschulen im Kanton seien gross, einheitliche Strukturen würden helfen. Stillhard verweist auf die Bedeutung der Musikschulen für Orchester, Chöre und Blasmusikvereine: «Sie alle sind auf den Nachwuchs aus den Musikschulen angewiesen.» Trotz der Kritik betont Stillhard die positiven Aspekte der Gesetzesvorlage: Es sei schön, dass sich der Kanton des Themas annehme. Musikalische Bildung sei sehr wichtig für das gesellschaftliche Zusammenleben. «Dass das in den Köpfen drin ist, ist wohl das Wichtigste.» Und die Grundbotschaft musikalischer Bildung müsse sein, dass sie für jeden zugänglich ist, nicht nur für Mehrbessere.

Diese Einstellung teilt Stillhard mit den Initianten der Motion «Gesetz über die musikalische Bildung im Kanton St.Gallen». Sie war von Vertretern aller Fraktionen unterzeichnet worden. Silvia Kündig, Kantonsrätin der ­Grünen aus Rapperswil-Jona, hat sie mit­initiiert. «Die gesetzliche Veran­kerung der musikalischen Grundschule und des freiwilligen Instru­mentalunterrichts ist notwendig, damit sie chancenausgleichend und auch in den kleineren Gemeinden umgesetzt wird», sagt Kündig. Sie verweist auf «die ganzheitliche Bildungskraft der Musik», die sie persönlich und beruflich als Primarlehrerin und Heilpädagogin stets erfahren habe. Wichtig sei in ­Zukunft die gute Zusammenarbeit ­zwischen den Musikschulen und der Volksschule.

SVP-Kantonsrat Sandro Wasserfallen aus Goldach hat die Motion ebenfalls unterzeichnet. Für ihn sei von Beginn weg klar gewesen, dass er sie unterstützen und in seiner Fraktion bewerben würde. Es sei wichtig, allen Kindern und Jugendlichen Zugang zum freiwilligen Instrumentalunterricht unter weitest­gehend gleichen Voraussetzungen zu ermöglichen und dabei auch die Musikschulen zu stärken. «Selbstverständlich freut es mich sehr, dass die Regierung das genauso sieht», sagt Wasserfallen.

Dabei berücksichtigt die Gesetzesvorlage nur einen Teil der Forderungen, welche die Kantonsräte in ihrer Motion formuliert hatten. Neben der Rechts­sicherheit für die Musikschulen hatten sie sich für eine Harmonisierung der Strukturen eingesetzt. Als Beispiel für die Unterschiede der Musikschulen führten sie im Motionstext die Tarife an. Der SGV listet sie auf. Schulpflichtige mussten 2015 in Benken 330 Franken pro ­Semester zahlen und in Rapperswil-Jona 500 Franken. Die meisten Beiträge bewegen sich jedoch zwischen 400 Franken und 450 Franken. Ausserdem hat jede Musikschule ein Rabattsystem. Kinder zahlen weniger als Erwachsene und finanzschwache Familien werden unterstützt.

Volksschulträger sollen frei entscheiden können

Von einer «Harmonisierung» ist in der Gesetzesvorlage jedenfalls nichts zu ­lesen – im Gegenteil. «Die Volksschulträger sind mit diesem Vorschlag weiterhin frei, eine eigene Musikschule zu ­führen oder sich einer regionalen oder privat getragenen Musikschule anzuschliessen», schreibt die Regierung in ihrem Vorschlag zum Nachtrag des Volksschulgesetzes. An den Strukturen und am Alltag in den Musikschulen würde sich damit nichts ändern. Mehrere Musikschulleiter sagen, dass das Gesetz in dieser Form weder Auswirkungen auf das Kursangebot oder den Unterricht noch auf die Tarife hätte. Ob der St.Galler Kantonsrat den Gesetzesentwurf in ­dieser Form annimmt, wird sich zeigen. Bis dahin werden noch viele Geigen und Gitarren, Flöten und Trompeten im ­ganzen Kanton unterwegs sein.