Musikalische Welterben

Für die Musikforscher sind die Handschriften der St. Galler Stiftsbibliothek ein Eldorado. Anlass genug, ihnen die neue Jahresausstellung zu widmen. Sie gibt einen Überblick über tausend Jahre klösterlicher Musikpflege.

Josef Osterwalder
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Franziska Schnoor, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin der Ausstellung mit dem Buch, das den vierstimmigen Choral einführen sollte. (Bild: Ralph Ribi)

Franziska Schnoor, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin der Ausstellung mit dem Buch, das den vierstimmigen Choral einführen sollte. (Bild: Ralph Ribi)

st. gallen. Für den Tübinger Musikwissenschafter Stefan Johannes Morent ist der Schatz der St. Galler Musikhandschriften «in seinem Umfang, seiner Geschlossenheit und Unversehrtheit einmalig». Wie sehr er von ihnen gepackt ist, zeigte er gestern morgen bei der Eröffnung der neuen Jahresausstellung der Stiftsbibliothek. Sie ist der «Musik im Kloster St. Gallen» gewidmet und dokumentiert tausend Jahre Musikpflege. Einen Hauptakzent setzt sie mit der Präsentation der ältesten St. Galler Musikhandschriften, wie sie vom 9. Jahrhundert an entstanden sind.

Genialer Notker

Der Tübinger Professor hat diese St. Galler «Weltmusik» gleich auch zum Klingen gebracht, mit dem von ihm geleiteten Ensemble «Ordo Virtutum». Morent sucht mit detektivischem Spürsinn die ältesten Musiknotationen (Neumen) zu deuten, sein Ensemble setzt sie mit akribischer Präzision um. Auf die neue Ausstellung hin hat es eine CD eingespielt; ihr Titel: «Notker Balbulus». Es ist eine Hommage an jenen bescheidenen Dichtermönch aus Jonschwil, dessen Sequenzen (geistliche Lieder) in den Klöstern ganz Europas gesungen wurden.

Die Musikbeispiele zeigten aber auch, wie wichtig es ist, diesen Schatz aufzuschliessen. Die Dichtungen und Kompositionen Notkers und seiner kongenialen Mitmönche Tutilo und Ratpert sind so subtil, dass sie sich nur bei genauem Hinhören erschliessen. Zudem sind sie in einem so kunstvollen Latein geschrieben, dass sie sich kaum übersetzen lassen.

Legenden und Musiktheorie

Dies alles war anscheinend bereits den Mönchen des Gallusklosters bewusst. So umgaben sie ihre Musiktradition mit dem schützenden Nimbus erbaulicher Legenden und verteidigten sie gegenüber der Kritik ungerufener Reformer.

Die neue Jahresausstellung zeigt, wie diese musikalischen Juwelen aus dem Goldenen Zeitalter des Klosters von den späteren Generationen gepflegt und weiterentwickelt wurden.

So wurden nicht nur musikalische Kompositionen geschaffen, sondern auch durch alle Jahrhunderte die Musiktheorie gepflegt. Das beginnt mit Texten zur Musik als einer mathematischen Wissenschaft bis zur Darlegung der Tonsysteme und einer Anleitung über Dirigierkunst.

Misslungene Vierstimmigkeit

Eine Prachtshandschrift mit vierstimmigen Choralbearbeitungen des italienischen Komponisten Manfred Barbarini Lupus dokumentiert den Versuch, den vierstimmigen Choral im Kloster einzuführen.

Dieser scheiterte zwar, doch die Handschrift ist geblieben. Eine eigene Vitrine ist Fridolin Sicher gewidmet, der während der Reformationszeit als Organist und Musiksammler tätig war. Mitten in einer Wendezeit hat er das Erbe kreativ umgesetzt. Musikhandschriften und -drucke aus dem 17. bis 19. Jahrhundert zeigen schliesslich, dass bis in die Endzeit des Klosters Musik und Mönchsleben untrennbar miteinander verbunden waren.

In der Vorstellung der Mönche sollte das Singen der Psalmen und Choräle den Weg zur transzendenten Wirklichkeit öffnen.

Passend zum Musikfest

Bei der Eröffnungsfeier zur neuen Ausstellung dankte Stiftsbibliothekar Ernst Tremp der neuen wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Franziska Schnoor, die den Grossteil der Ausstellung und der Katalogtexte vorbereitet hatte.

Er wies auch auf die Zusammenarbeit mit dem Südwestdeutschen Rundfunk hin, dank der die Notker-CD produziert werden konnte. SWR2 bringt auf der Homepage auch musikalische Beispiele aus der CD samt Bildern aus den Handschriften.

Plan oder Zufall? Die Jahresausstellung ist auch ein Beitrag zum Eidgenössischen Musikfest im nächsten Sommer.

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