Musik gegen Lager-Grauen

Der Oratorienchor St. Gallen erinnert am 157. Palmsonntagskonzert an die Jahrestage beider Weltkriege. Mit Hans Krása ist ein Komponist zu hören, der Opfer der Kulturgeschichte wurde.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
Endstation Gaskammer: Neben Komponist Hans Krása kamen viele weitere Prager Kulturschaffende im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben. (Bild: pd)

Endstation Gaskammer: Neben Komponist Hans Krása kamen viele weitere Prager Kulturschaffende im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben. (Bild: pd)

Hans Krása ist heute vor allem bekannt wegen seiner Kinderoper «Brundibar». Einstudiert in einem jüdischen Waisenhaus in Prag. Diese Kinder sahen sich im Konzentrationslager Theresienstadt wieder. Auch dort wurde «Brundibar» aufgeführt. Einen Tag nach der Premiere im Lager wurde Dagmar Lieblová nach Auschwitz deportiert und hat nur durch einen «Druckfehler» überlebt, wie sie sagt. Nach dem Krieg studierte sie Deutsch und wurde Übersetzerin. Die 85jährige Pragerin wird anlässlich der Palmsonntagskonzerte des Oratorienchors kurz sprechen. «In Theresienstadt gab es ein kulturelles Leben auf hohem Niveau. Und die Aufführung der Kinderoper von Krása hat die Kinder einen Moment das Leiden vergessen lassen», erzählt sie heute.

Mauern der Unkenntnis fielen

Wie viel und vor allem welch hochwertige Musikkultur im KZ Theresienstadt gelebt wurde, weiss man erst seit dem Ende des Eisernen Vorhangs. «Mit dem Fall der Mauer fiel auch die Mauer der Unkenntnis», sagt die Berliner Publizistin Gaby Flatow. Seit 1989 engagiert sie sich für die Aufarbeitung dieses Kapitels von Musikgeschichte in dunkelster Zeit und hat inzwischen über sechzig Konzerte organisiert.

Weiterreise nach Auschwitz

Die Nazis haben Theresienstadt mit seiner Musikkultur propagandistisch ausgeschlachtet und es der Welt als Vorzeigelager präsentiert. In Wahrheit war es ein Durchgangslager für die Weiterreise nach Auschwitz. Von den 120 000 Insassen starben 88 000 den Tod in den Gaskammern, darunter alle Kinder der «Brundibar»-Aufführung. Und Komponisten wie Hans Krása, Pavel Haas, Gideon Klein oder Viktor Ullmann. Gaby Flatow spricht dem Oratorienchor St. Gallen ihre grosse Anerkennung für den Einsatz für ein Chorwerk von Hans Krása aus. «Es ist ein weiterer wichtiger Akt gegen das Vergessen», sagt Flatow, die auch die Hans-Krása-Stiftung Theresienstadt ins Leben gerufen hat.

Musikalisches Wunderkind

Krása, dessen Chorwerk «Die Erde ist des Herrn» in St. Gallen erklingt, stammte aus einer deutsch-tschechischen Familie. Als musikalisches Wunderkind studierte er bei den Komponisten Alexander von Zemlinsky und Albert Roussel. «Er war ein verspielter Mensch und Musiker», beschreibt ihn Gaby Flatow. Diese Haltung hat Krása auch in Theresienstadt bewahrt und den Kindern ein kostbares Stück Licht bewahrt, ihnen «himmlische Musik in der Hölle» geschenkt, wie «Die Welt» einmal titelte. Mit seinem Palmsonntagskonzert erinnert der Oratorienchor an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert, den des Zweiten vor 75 Jahren und an das Sterben von Hans Krása vor 70 Jahren. Der Komponist wurde 45 Jahre alt.

Aktuelle Nachrichten