Mumien im Museumskeller

ST.GALLEN. Das Historische und Völkerkundemuseum hat mehr als eine Leiche im Keller: Etwa acht Mumien warten darauf, ausgepackt zu werden. Sie wurden vor kurzem geliefert und sind für die neue Sonderausstellung im Juni bestimmt.

Mirjam Bächtold
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Wertvolle Leihgabe: Im Sarkophag, den Annik Grubel und Daniel Studer auspacken, liegt die Mumie eines Kindes. (Bild: Ralph Ribi)

Wertvolle Leihgabe: Im Sarkophag, den Annik Grubel und Daniel Studer auspacken, liegt die Mumie eines Kindes. (Bild: Ralph Ribi)

Er ist 125 Kilogramm schwer, 1,80 Meter gross und liegt auf dem Tisch im Keller des Historischen und Völkerkundemuseums. Der grösste Sarkophag der Schweiz ist selbst eingewickelt wie eine Mumie, die er sonst birgt. Am Mittwoch als Leihgabe aus Burgdorf angekommen, wartet er auf seinen grossen Auftritt in St. Gallen: in der neuen Sonderausstellung über ägyptische Mumien, die in drei Monaten eröffnet wird.

Auspacken darf Museumsdirektor Daniel Studer den Koloss unter den Sarkophagen aber noch nicht. «Das spezielle Papier, in das er gewickelt ist, schützt die Farben», erklärt Studer. Die Kopfpartie des ägyptischen Sarges ist vergoldet und der grosse Bauch farbig bemalt. Erst kurz vor der Ausstellung wird Restauratorin Annik Grubel den Sarkophag aus Zedernholz auspacken.

Mumifiziertes Krokodil

Den Rest der Lieferung konnte Grubel aber gestern schon begutachten. Bevor sie eine grosse Holzkiste öffnet, setzt sie eine Schutzmaske auf. «Es kann sein, dass sich in organischem Material Mikroorganismen bilden, die man nicht einatmen sollte», erklärt sie. Mit weissen Handschuhen hebt sie den Deckel an. Zum Vorschein kommt nicht wie erwartet die Mumie eines Menschen, sondern ein Krokodil.

Es ist etwa 3000 Jahre alt und wurde in Ägypten eigens zu dem Zweck gezüchtet, später mumifiziert zu werden. Das sei zumindest wahrscheinlich, sagt Studer. Dem Krokodil wurde der Schädel gebrochen, um es zu töten. «Im alten Ägypten wurden die verschiedensten Tiere mumifiziert, so etwa Mäuse, Vögel, Hunde und Katzen.» Damit sei gehandelt worden.

Hirn aufgelöst

«Damals wurde fast alles mumifiziert», sagt Studer. Bei den Menschen waren es aber nur Mitglieder der Oberschicht. Wegen des heissen Klimas habe man schnell vorgehen müssen. «Zuerst wurden den Toten die Innereien entnommen, ausser dem Herzen», erklärt Studer den Vorgang. Danach habe man das Hirn mit Hilfe von Salzsäure aufgelöst und dem Körper durch Salz das Wasser entzogen. Einige solcher Mumien konnte das Museum ebenfalls für die Sonderausstellung ausleihen. Dabei sind auch eine Kindermumie in einem kleineren Sarkophag sowie einzelne Mumienteile.

In der nächsten Kiste, die Annik Grubel öffnet, findet sich ein Fuss. «Es kann sein, dass er früher extra von der Mumie abgetrennt wurde», sagt die Restauratorin. Die einzelnen Körperteile habe man verkauft. Einerseits wurde daraus Pulver gerieben, das als Potenzmittel eingesetzt wurde. Andererseits stellten Museen die Körperteile früher als Kuriositäten in Gruselkabinetten aus.

Konservierung dringend nötig

Davon ist man heute abgekommen. «Wir ordnen die Ausstellungsobjekte wissenschaftlich ein», erklärt Studer. Gemeinsam mit einer Ägyptologin wird das Konzept für die Ausstellung entwickelt. «Den Besuchern werden auch Computerstationen mit Erklärungen zur Verfügung stehen.» Auch eine ganze Grabkammer soll dargestellt werden, mit den Grabbeigaben, welche die alten Ägypter ihren Verstorbenen mit ins Jenseits gegeben haben.

In der Ausstellung geht es also nicht ausschliesslich um Mumien, sondern um ägyptische Grabschätze im weitesten Sinn.

Während der Ausstellung wird Annik Grubel einen kleinen Sarkophag aus der eigenen Sammlung konservieren. «Ich festige die gemalte Schicht, damit sie nicht weiter abblättert.» Weitaus dringender hätte ein grosser Sarkophag aus der eigenen Sammlung die Konservation nötig. «Doch dazu fehlt uns leider ein Sponsor», sagt Studer. Das Holz des Sarkophags droht immer mehr abzubröckeln und die Farbe müsste gereinigt werden.

Über das Alter oder die Identität der St. Galler Mumie aus dem Klosterhof kann Studer noch nichts sagen. Sie werde noch von einer Anthropologin untersucht.

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