Müsli-Müller und die Geier

Er ist Mäuseexperte, Greifvogelkenner und Afrikareisender: Jürg Paul Müller. In der Gallusstadt sprach der Bündner über wilde Vögel, Unterhosen und darüber, wie er in acht Stunden vom Studenten zum Nationalparkdirektor wurde.

Malolo Kessler
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Bartträger erklärt Bartgeier: Jürg Paul Müller, Präsident der Stiftung Pro Bartgeier, im Naturmuseum St. Gallen. (Bild: Reto Martin)

Bartträger erklärt Bartgeier: Jürg Paul Müller, Präsident der Stiftung Pro Bartgeier, im Naturmuseum St. Gallen. (Bild: Reto Martin)

Keine Maus, kein Geier. Und auch kein Steinbock. Sondern ein Esel. Das wäre er gerne, wäre er ein Tier: Jürg Paul Müller, Mäuseexperte, Greifvogelkenner und ehemaliger Direktor des Naturmuseums Chur.

Der Bündner sitzt im Eingangsbereich des Naturmuseums St. Gallen, wo er kürzlich ein Referat über Bartgeier hielt. Der Bart schneeweiss, die Lachfalten tief. Die Esel, sagt er, seien überlegt, unabhängig. Das sprichwörtlich Störrische tut er mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. «Die machen einfach nicht alles mit», sagt der Präsident der Stiftung Pro Bartgeier.

Er lacht und schlägt sich auf die Schenkel. Ein kerniges, kehliges Lachen. Wenn er erst einmal lacht, dann lacht er so richtig. Und wenn er erst einmal erzählt, dann erzählt er auch so richtig. Von allerlei Tieren, von Museen, von Afrika. Und davon, wie er vom Studenten zum Nationalparkdirektor wurde.

Ein Bündner in Äthiopien

Müller hatte schon als Kind Freude an der Tierhaltung. Schon sein Vater war Botaniker und Naturschützer.

Vom Meerschweinchen bis zum Krallenfrosch, alle möglichen Tiere habe er früher gehalten, sagt der Bündner. 1965 begann er an der Universität Zürich Biologie zu studieren. Er heiratete seinen «Schulschatz», wie er sagt, und mit 26 Jahren – noch bevor er doktoriert hatte – ging er nach Äthiopien. In einem Nationalpark, in dem die südlichste Steinbockart der Welt lebt, wurde ein Direktor mit Gebirgserfahrung gesucht. Ein Job wie gemacht für Müller.

So wurde er auf dem Acht-Stunden-Flug von Zürich nach Addis Abeba vom Vollzeitstudenten zum Nationalparkdirektor. In Äthiopien fand er zu den Vögeln, die ihn bis heute faszinieren: den Bartgeiern.

Jeden Tag habe er die Tiere beobachten können. Manchmal hätten er und seine Frau zum Zmittag Schaffleisch gegessen und dann die Knochen auf die Wiese vor dem Haus gelegt.

«Und wenn wir dann auf der Veranda standen und Kaffee tranken, kamen die Geier und holten die Knochen», sagt Müller.

Kochwäsche statt Knochen

Der 65-Jährige weiss auf fast alles eine Antwort und Dutzende von Anekdötli zu erzählen. In breitem Bündner Dialekt, mit glänzenden Augen, wachsender Begeisterung. Auch davon, wie er auf einem Berg sass – ebenfalls in Äthiopien – und ein Bartgeier wenige Meter über seinem Kopf vorbeiflog. «Das muss man sich einmal vorstellen.

» Der Zoologe breitet seine Arme aus wie der Vogel damals seine Flügel. «Und ich habe die dicken Federn, die übereinander liegen, ächzen gehört.»

Oder er erzählt von der Sache mit der Kochwäsche. Wenn er und seine Frau jeweils draussen gewaschen hätten, sei Rauch aufgestiegen. «Die Bartgeier dachten, da wird ein Ochse gebraten, und kamen.» Doch statt Aas und Knochen fanden sie nur die Unterhosen der Müllers in brodelndem Wasser.

Ein Tip für Toni Bürgin

Nach zwei Jahren in Äthiopien kehrten die Müllers nach Chur zurück, und der Bündner wurde Direktor des dortigen Naturmuseums. Die ersten 14 Jahre war Müller auch noch Lehrer an der Kanti Chur. «Das habe ich immer gerne gemacht», sagt er. Junge Leute habe er gerne.

In seiner Zeit als Direktor hat er den Neubau des Naturmuseums in Chur miterlebt. «Eine Rarität. Meist werden Museen ja in alten Gebäuden untergebracht», sagt Müller. Eine Rarität, wie sie auch in St.

Gallen bald Realität werden soll. Seinem Kollegen und Direktor des hiesigen Naturmuseums, Toni Bürgin, gibt Müller den Tip, baulich nichts zu akzeptieren, das aus Museumssicht nicht funktioniert. Er habe das damals bei einigen Details gemacht und es später bereut.

Müller und die Mäuse

Seit etwas mehr als einem Monat ist Müller nun pensioniert. Zoologe bleibe er aber, bis er nicht mehr denken könne. Früher wurde er Müsli-Müller genannt. Denn mit Mäusen befasst er sich seit seiner Studienzeit.

Mit ihrer Artenvielfalt, ihren Lebensstrategien. Seit seiner Pensionierung hat Müller nun wieder ein bisschen mehr Zeit, sich um seine Forschungsprojekte mit Mäusen zu kümmern. Zudem ist er Geschäftsführer des Biodiversitätsprojekts «Schatzinsel Alp Flix» im Bündnerland, er hält Vorträge, gibt Kurse.

Und dann ist da noch der Schwarze Kontinent. Seine Faszination für Afrika. «Das Land ist menschlich, nah am Ursprung.» Im Herbst will Müller zurück nach Äthiopien. Einmal mehr. Zurück zum Ursprung seiner Bartgeier-Begeisterung.

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