Mühleggbahn: Nicht poppiger, sondern nostalgischer

«Poppiger und bequemer», Ausgabe vom 10. Mai 2017

Rolf Kretzer
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Die Mühleggbahn, seit 1893 in Betrieb, zuerst mit Wasserkraft betrieben (bis 1950), dann elektrisch (bis 1975) und seit 1975 mit einem Zugseil. Im Volksmund als «Mühlegg­bähnli» bekannt, wird oder muss dieses jetzt umgebaut werden. Die Liftkabine wird poppiger, visionärer, farbiger und… und… und… Gleichzeitig muss der Tunnel einer Rundumsanierung unterzogen werden. Selbstverständlich wird alles «barrierefrei», also rollstuhlgängig. Da in der heutigen Zeit die Kosten das Allerwichtigste sind: Für die Sanierung des Bähnchens wird mit einer Investition von fünf Millionen gerechnet. Eine Sanierungsversion «Nostalgie» gibt es nicht, also sind zwei Bähnli, die sich kreuzen, oder der Nachbau alter Bahnwagen mit Kondukteur kein Thema. Nein, solche Fragen werden im Keim erstickt oder mit Floskeln beantwortet: Das kostet viel zu viel Geld. Wir müssen sparen. Wir müssen sehr sparsam mit unserem Geld umgehen. Die Aktionäre würden niemals zustimmen. Wie wäre es denn mit dem Einsatz unseres heutigen Allheilmittels, der Partizipation? Ein nostalgisches Mühleggbähnli mit Start an der Gallus-Gedenkstätte, so nahe beim Kloster, wäre doch für die Attraktivität der Tourismusstadt eine hervorragende Investition. Nicht poppiger, sondern nostalgischer! Nicht futuristisch, sondern wie war’s schön und gesprächsreich mit Kondukteur! Da könnte man fast sagen, Nostalgie ist visionär. Wir sollten nicht dem Trend folgen, sondern wir sollten eine selbstständige, eine st. gallische Lösung planen. Man sollte in diesem Fall wirklich den Puls bei Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern fühlen. Das Resultat wäre interessant: Was würde wohl bei einer Abstimmung «Nostalgie gegen poppiger» herauskommen?

Rolf Kretzer

Folchartstrasse 23, 9000 St. Gallen