Mörschwils Sherlock Holmes

MÖRSCHWIL. Am liebsten würde Hans Peter Eugster jede freie Minute im Kriminalmuseum der Polizei verbringen, das er derzeit renoviert: Mit Geld aus dem Lotteriefonds und Herzblut. Dabei erstaunt ihn immer wieder die Phantasie der Kriminellen.

Corinne Allenspach
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Bevor Gegenstände – hier ein Modellboot und eine alte Uniform – ins Museum kommen, prüft Hans Peter Eugster sie daheim in Mörschwil. (Bild: Ralph Ribi)

Bevor Gegenstände – hier ein Modellboot und eine alte Uniform – ins Museum kommen, prüft Hans Peter Eugster sie daheim in Mörschwil. (Bild: Ralph Ribi)

Seine 56 Jahre gäbe man ihm nicht. Wie er das Boot aus dem Geräteschuppen holt, behutsam den Reissverschluss der gepolsterten Tasche öffnet, fast ehrfürchtig nach der Fernsteuerung greift und mit funkelnden Augen zu erzählen beginnt, ginge Hans Peter Eugster glatt für einige Jahrzehnte weniger durch. Freilich handelt es sich beim Modellboot nicht ums neuste Spielzeug des Mediensprechers der Kantonspolizei, sondern um ein beschlagnahmtes Deliktgut: Wegen Verstosses gegen das kantonale Fischereigesetz.

Der faule Fischer

Etwa 2000 Franken hat das Boot gekostet, das einem Fischer vom Walensee gehörte. «Er war ein bisschen faul», sagt Eugster. Denn statt Angel oder Netz auszuwerfen, fischte er «ferngesteuert». Er füllte Futter in die Heckklappe des Boots, diese öffnete sich beim Fahren. Und der Fischer, der in seinem Boot hinterherfuhr, konnte die angelockten Tiere bequem einsammeln.

Für Eugster «eigentlich eine banale, aber trotzdem spannende Geschichte». Und solche weiss der Mörschwiler noch Dutzende zu erzählen. Ihm zuzuhören, ist aufregender als jeder Krimi. Denn es ist Realität. Nach 35 Jahren bei der Polizei, 18 davon als Mediensprecher, weiss er: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Trotzdem kann er auch heute noch immer wieder staunen über den Einfallsreichtum der «Schlunggis», wie er jene Personen nennt, die das Gesetz gerne etwas grosszügig auslegen.

Eugster will zuständig sein

Aber nicht nur er, sondern auch Besucher sollen staunen können – und vor Tricks gewarnt werden. Darum hat Eugster 2009, nach der Pensionierung von Kollege Hans Eggenberger, beschlossen, dass er sich «zuständig fühlen will» fürs Kriminalmuseum der Kantonspolizei St. Gallen. «Es braucht jemanden mit Herzblut, sonst versandet das Ganze», sagt er. An Herzblut fehlt es dem dreifachen Vater wahrlich nicht. Er besorgt neue Gegenstände, «näuselt» im Archiv, studiert alte Polizeimeldungen und würde am liebsten jede freie Minute im Museum verbringen, das er derzeit renoviert (siehe Kasten). Dabei lobt er «die gute Nase für Geschichten» jener Polizisten, welche die Sammlung vor 31 Jahren aufgebaut haben.

Entstauben und Knopf annähen

Ob es das Boot des faulen Fischers ins Museum schaffen wird, ist noch offen. Denn Eugster ist ein Perfektionist, bei ihm muss jedes Detail stimmen, jeder Gegenstand passen. Darum hängt auch die Landjägeruniform aus den 30er-Jahren, die er am Tag vor seinen Ferien in Buchs abgeholt hat, noch daheim. Hosen und Kittel müssen noch entstaubt werden, ein Knopf ist nicht original. «Den werde ich noch wechseln», sagt Eugster, bevor er in die Tasche greift und eine Trillerpfeife aus Horn, Ohrenwärmer aus Leder und alte Schiesskarten hervorkramt. Gegenstände, die er «noch nie zuvor gesehen hat». Um nachvollziehen zu können, was für ein Mensch dieser Landjäger war – so hiess die Polizei bis im 2. Weltkrieg –, wird er den Zivilstandsbeamten anrufen, der der Polizei die Uniform seines Vaters vermacht hat. Und im Archiv recherchieren. Wie er es mit jenen präparierten Rucksäcken tat, mit denen drei Aserbeidschaner Markenrasierer für 1600 Franken gestohlen haben, ohne dass die Alarmanlage losging. Oder im Fall Irniger, der zweitletzten Hinrichtung mit der Guillotine. Diese existiert noch, «ist mit sechs Metern aber leider zu hoch für unser Museum».

Mehr Platz, das wünscht sich Eugster schon lange. Zu Zeiten des Spardrucks ist das aber ebenso illusorisch wie mehr Geld. In solchen Momenten hilft die Erinnerung an den Kurator des Zürcher Kriminalmuseums, der etwas neidisch feststellte: «Wir haben ein Warenhaus, ihr eine Boutique.»