MÖRSCHWIL: 13 Jahre für den «Freihof»

Mit ihrer Einsprache gegen den Abbruch des «Freihofs» zwang Beatrice Mülli die Gemeinde in die Knie. Die Coiffeuse zeigt sich auch nach jahrelangem Ringen angriffslustig.

Noemi Heule
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Aus ihrem Küchenfenster hat Beatrice Mülli den Freihof im Blick. Sie setzt alles daran, dass dies so bleibt. (Bild: Ralph Ribi)

Aus ihrem Küchenfenster hat Beatrice Mülli den Freihof im Blick. Sie setzt alles daran, dass dies so bleibt. (Bild: Ralph Ribi)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Wenn Beatrice Mülli aus ihrem Küchenfenster schaut, blicken ihre blau-grünen Augen direkt an die beige-braune Fassade des «Freihofs». Seit 40 Jahren zieht der «stattliche Bau», wie sie ihn nennt, ihren Blick auf sich. Seit 13 Jahren sollte das Haus verschwunden sein. Dass sich die alten Mauern noch immer trotzig gegen Himmel recken, ist ihr Husarenstück. Beatrice Mülli ist die Einsprecherin, die sich dem Abbruch in den Weg stellte, immer wieder. Zu Recht, wie das Baudepartement kürzlich entschied. Das Projekt namens «Moerswil», ein würfelförmiger Bau, füge sich nicht ins Ortsbild ein, urteilte die kantonale Instanz.

Beatrice Mülli ist froh, dass diese «Crèmeschnitte», wie sie den Entwurf von Architekt Beat Consoni nennt, endgültig vom Tisch ist. Für die 62-Jährige tritt nun nach einem langen Ringen eine Verschnaufpause ein. «Es ging auf und ab und hin und her», sagt sie, die sich ob der unzähligen Wendungen, welche die «Causa Freihof» bereits genommen hat, gar nicht an alle erinnern kann. Beatrice Mülli stand als Einsprecherin immer mittendrin im Gezerre um das geschichtsträchtige Gebäude. Sie erntete Lob, genauso wie Kritik oder gar Beschimpfungen. Die einen bewunderten ihre Aus­dauer, die anderen beklagten ihren Starrsinn.

Gleichgesinnte bleiben im Hintergrund

Beatrice Mülli ist eine grazile Gestalt. Ihre Beine stecken in oliv-farbenen Hosen mit Tarnmuster, darunter lugen braun gebrannte Füsse hervor. Auch ihr Gesicht ist gebräunt und von Falten durchzogen, kampflustig blitzen ihre Augen hervor. Das graue Haar hat die Coiffeuse stramm nach hinten gekämmt. Während die Einsprecherin ihren Namen von Anfang an preisgab, möchte sie ihre Person aus der Schusslinie nehmen. Dies ist auch der Grund, weshalb sie sich für diesen Artikel nicht fotografieren lassen wollte. «Ich bin niemand, der sich gerne in den Vordergrund stellt.»

Dennoch stand sie stets im Vordergrund, «zwangsläufig», wie sie sagt. Als Anwohnerin erhob sie Einsprache, auch anstelle von Gleichgesinnten. Sie sei nie allein gewesen, betont sie. Allen voran kämpfte Anwalt Hubert Bühlmann an ihrer Seite, ein ehemaliger Mörschwiler, der sie in all den Jahren unentgeltlich vertreten hat. «Ich bin nicht studiert», sagt sie und zeigt auf Briefcouverts, die sich auf einer Kommode stapeln. Die Papierarbeit erledigte Bühlmann für sie. Auch finanziell hätte sie, «eine einfache Frau», die Anwaltskosten nicht tragen können.

Nun, da sie den Prozess gewonnen hat, muss die Gemeinde neben den Prozesskosten auch für eine Entschädigung aufkommen. Rund 3000 Franken erhält Mülli, die damit ihrem Anwalt erstmals ein Honorar überweist. «Mühsam» sei es stets gewesen, all diesen Treffen und Verhandlungen beizuwohnen. Als einzige ohne juristische Vorkenntnisse und meist auch als einzige Frau.

Der «Freihof» soll in altem Glanz erstrahlen

Für Beatrice Mülli ist trotz allem klar, solange die Unterstützung da ist, wird sie sich für den «Freihof» einsetzen. «Was ich angefangen habe, gebe ich nicht so schnell auf.» Nicht nur, weil sie dessen Giebel jeden Morgen durch das Küchenfenster grüsst, sondern weil das ehemalige Restaurant für sie einfach zum Ortskern gehört. Ohnehin verstehe sie nicht, wie man das historische Haus niederwalzen könne, einfach so. Sie dagegen brauche für jede noch so kleine Änderung an ihrem Zuhause eine Bewilligung.

Das himmelblaue Häuschen, das Beatrice Mülli vor 40 Jahren bezog, zeigt denn auch ihr Faible für das Alte. Es blickt ebenso auf eine lange Geschichte zurück. Die Unterschiede zum «Freihof» könnten dennoch grösser nicht sein. Kahl ist die einstige Brauerei Wind und Wetter ausgesetzt. Die Fassade bröckelt, die Fenster sind teils mit Brettern verschlagen. Vor den blauen Fensterläden von Beatrice Mülli dagegen wachsen Geranien, unzählige Pflanzen gedeihen rund ums Giebelhaus. Sie hofft, dass sie irgendwann auf einen «Freihof» blicken kann, der in altem Glanz erstrahlt.

Ein erster Schritt für die Zukunft des Hauses erfolgt heute Abend. Anwohner, Vertreter aus Politik, Gewerbe, Schule, Kirche und Interessensgruppen nehmen an einem runden Tisch Platz, um einmal mehr die Zukunft des «Freihofs» zu besprechen. Auch Beatrice Mülli ist dabei und möchte sich, einmal mehr, nicht in den Vordergrund stellen.