Mittelalterlicher Charme am Rand der Altstadt

Heiden, Hebammen und Nachtschwärmer. Sie alle bevölkerten einst die Schwertgasse, die den Bohl mit der Goliathgasse verbindet. Sie säumte früher die Stadtmauer und markierte so einen Teil des östlichen Randes der Stadt.

Noemi Heule
Drucken
Teilen
Die Schwertgasse ist heute beidseitig von Häusern gesäumt. (Bild: Noemi Heule)

Die Schwertgasse ist heute beidseitig von Häusern gesäumt. (Bild: Noemi Heule)

Heiden, Hebammen und Nachtschwärmer. Sie alle bevölkerten einst die Schwertgasse, die den Bohl mit der Goliathgasse verbindet. Sie säumte früher die Stadtmauer und markierte so einen Teil des östlichen Randes der Stadt. In ihrer jüngeren Geschichte dagegen war es zudem ein Mittelpunkt des Kultur- und Nachtlebens.

Erste Vorläufer der Schwertgasse entstanden vermutlich nach dem dritten grossen Brand St. Gallens von 1418, als die St. Mangen-Vorstadt in den Ring der Stadtmauer aufgenommen wurde. Die Gasse führte fortan entlang der Mauer vom Brühl- zum Platztor. Dort stand lange Zeit auch ein Hebammenhaus. Damals hiess die Verbindung allerdings noch Heidengasse.

*

Als Heiden bezeichnete der Volksmund früher Zigeuner, die seit dem 15. Jahrhundert in Europa auftraten, wie der ehemalige Stadtarchivar Ernst Ziegler im Buch «St. Galler Gassen» schreibt. Vermutlich war den Fahrenden im Quartier ein Platz zugewiesen worden, um dort ihre Wagen aufzustellen.

Im 19. Jahrhundert jedoch wurde der Name der frommen Stadt zu heidnisch, weshalb sie die Gasse kurzerhand in Schwertgasse umbenannte. Neuer Namensgeber war das Gasthaus Zum Schwert, das damals den Eingang der Gasse flankierte. Der Name Heidengasse verschwand aber nicht ganz aus dem Stadtplan. Noch heute wird ein schmaler Durchgang zwischen Schwert- und Katharinengasse als Heidengässlein bezeichnet.

Auch in den 1980er- und 1990er-Jahren prägten Beizen das Bild der Gasse. Viele Kulturschaffende trafen sich im legendären «Haus zur letzten Latern», das legendäre Lokal, das von Urs Tremp geführt wurde. Nachtschwärmer zog derweil das berüchtigte Szenelokal Filou an. Nicht selten waren Schlägereien und Lärmklagen die Folge des Menschenauflaufs. In der ehemaligen Liegenschaft der Bar knüpft heute das Kafé Oya an die Beizentradition an.

*

Die Geschichte der Gasse offenbart sich noch heute an den Häuserzeilen, deren spätgotischer Charakter auf der Westseite erhalten blieb. Zwar drängen sich die Häuser dicht an dicht, trotzdem steht ein jedes eigenständig da. Das eine neigt sich schräg in den Gassenraum hinein, während das Häuschen nebenan zwar alle anderen überragt, dafür lediglich eine Zimmerlänge breit ist. Die Bürgerhäuser zeugen von der einstigen Einfachheit, unterstanden sie doch keinem Repräsentationszwang. Ein Gang durch die Schwertgasse zeigt deshalb den Charme der Stadt von seiner ursprünglichsten Seite.

Bild: Noemi Heule

Bild: Noemi Heule

Aktuelle Nachrichten