Mit zwei lachenden Augen

Mark Besselaar arbeitete 25 Jahre im Stadtplanungsamt, 15 Jahre als dessen Leiter. Nun nimmt er Abschied und lässt sich frühpensionieren. «Ich gehe gerne», sagt er und verzichtet auf die Floskel vom weinenden und lachenden Auge.

Fredi Kurth
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Bereit für den Abflug: Mark Besselaar auf der Dachterrasse des Rathauses. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bereit für den Abflug: Mark Besselaar auf der Dachterrasse des Rathauses. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Es ist höchste Zeit», sagt Mark Besselaar. Ein Vierteljahrhundert hat er im Stadtplanungsamt gewirkt. Es war für ihn «eine spannende Zeit mit vielen Hochs, aber auch mit einigen Tiefs.» Nach so vielen Jahren fehlten Spannkraft und Kreativität, sagt er. Besselaars Offenheit ist auffallend. 2008 hatte er nach 15 Jahren die Leitung des Stadtplanungsamtes abgegeben. Ein Herzinfarkt und psychische Probleme zwangen ihn, sich wieder der Projektarbeit zuzuwenden.

Von Holland in die Schweiz

Nicht ganz abstreifen konnte Besselaar in St. Gallen seinen holländischen Akzent. Doch diese klangvolle Färbung des Schweizerdeutschs passt gut zu ihm, zu seiner herzlichen, tiefsinnigen Art.

Aufgewachsen in Rotterdam, kam Mark Besselaar vor 31 Jahren in die Schweiz – der Liebe wegen. Zunächst arbeitete Besselaar in zwei privaten Planungsbüros. Bei der Organisation eines Wettbewerb um den Bau eines neuen Postbetriebsgebäudes, das anstelle der Lokremise hätte gebaut werden sollen, machte der gelernter Geograph und Raumplaner offensichtlich Eindruck: Fritz Schumacher, damaliger Leiter des Stadtplanungsbüros, holte Besselaar 1988 in die Stadtverwaltung. Nach fünf lehrreichen und kreativen Jahren, wo er auch mit dem damaligen Stadtbaumeister Franz Eberhard zusammengearbeitet hatte, rückte Besselaar auf den Posten des Stadtplaners nach.

Einfluss immer schwieriger

In dieser Aufgabe spürte er in verstärktem Masse, wie die Stadtplanung Teil eines komplizierten Prozesses ist und wie es schwer fällt, die verschiedenen Interessen von Politik, Investoren und Architekten unter einen Hut zu bringen. «Stadtentwicklung ist schon lange nicht mehr ein Monopol der Verwaltung», sagt er. Und so wurde es auch immer schwieriger, Einfluss zu nehmen. Besselaar erlebte, wie sehr sich die Stadt verändert hat, am Anfang zum Beispiel bei der Webersbleiche und dem Bleicheli, später beim Bahnhof Nordwest.

Was würde er bei aller Bescheidenheit erwähnen, was in St. Gallen dank seiner Arbeit zustande gekommen ist? Besselaar winkt ab: «Es war immer ein Zusammenspiel beziehungsweise Teamarbeit. Wir konnten unsere Vorschläge unterbreiten und hoffen, dass sich ein gemeinsamer Nenner finden liess.» Der Einfluss des Stadtplanungsamtes sei grösser im öffentlichen Raum. Dieser Raum ist für Besselaar sozusagen der Kitt, welcher die Stadt zusammenhält und auch die Identität einer Stadt stark prägt. Schwieriger sei, bei privaten Vorhaben wie zum Beispiel jenem der Villa Wiesental einzuwirken. Worauf die Stadtplanung stolz sein darf, ist nach seiner Ansicht die Gestaltung des Bahnhofareals Nordwest. Vergangenheit und Moderne gingen dort mit dem Nebeneinander von Lokremise und dem Hochhaus der Fachhochschule eine gelungene Verbindung ein.

«Bei der Stadtentwicklung», sagt Besselaar, «geht es einerseits darum, die gefestigten Stadtstrukturen, welche auch die Identität der Stadt ausmachen, zu erhalten beziehungsweise pflegend weiterzuentwickeln.» Andererseits müssten aber auch Entwicklungsspielräume für kurzfristige Anliegen, die in der Regel gewissen gesellschaftlichen Trends unterliegen, geschaffen werden.

Im Spannungsfeld

«In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Stadtplanung, und dies macht den Beruf auch so spannend», sagt Mark Besselaar. In der Diskussion über die Baukultur ist es nach Besselaars Auffassung zu viel um Einzelbauten beziehungsweise Architekturauffassungen und zu wenig um den gesellschaftlichen Kontext und seine Auswirkungen auf die Stadtentwicklung gegangen.

In den letzten Jahren verspürte die Stadtplanung vermehrt die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit Stadtentwicklungsthemen, wie Verdichtung (Güterbahnhof, Vogelherd, Bernhardswies) oder die Gestaltung des öffentlichen Raums (Marktplatz, Bahnhofplatz). Besselaar: «Die Meinung der Bevölkerung ist dabei nicht immer deckungsgleich mit der politischen Konsensfindung im Parlament, welche auch nicht mehr tel quel bei einer Volksabstimmung übernommen wird.»

Stadtrat soll mutig entscheiden

Von der neugewählten Stadträtin Patrizia Adam erhofft sich Besselaar, dass sie vor allem bei der festgefahrenen Situation am Marktplatz eine Klärung herbeiführen kann. «Bei der Parkhaus-Frage benötigt der Stadtrat jetzt den Mut zu einer klaren Haltung.»

Es sind Auseinandersetzungen, die Besselaar ab nächsten Monat bloss noch aus gebührender Distanz verfolgen wird. Im Alter von 60 Jahren lässt er sich vorzeitig pensionieren. Die Aufgabe im Stadtplanungsamt hat Kraft gekostet, auch wenn über sein sensibles Empfinden mit der Zeit dicke Haut gewachsen ist. Vorerst will Besselaar «den Kopf leeren», Energie tanken. Und danach neue Wege beschreiten.

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