Mit Süssigkeiten ist sie Weltklasse

EGGERSRIET. Die 20jährige Eggersrieterin Andrea Hohl absolviert derzeit das wohl süsseste Training, das es gibt. Die ehrgeizige Konditor-Confiseurin nimmt im August an den Berufsweltmeisterschaften in São Paulo teil.

Corina Tobler
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Gekonnt giesst Andrea Hohl an ihrem Arbeitsplatz bei der Böhli AG in Appenzell Pralinés. (Bild: Corina Tobler)

Gekonnt giesst Andrea Hohl an ihrem Arbeitsplatz bei der Böhli AG in Appenzell Pralinés. (Bild: Corina Tobler)

Es ist das Paradies für jedes Schleckmaul. Aus dem Hahn fliesst nicht Wasser, sondern Schoggi – pausenlos. Dazu Marzipan und Zucker im Überfluss. Und mittendrin Andrea Hohl, die hochkonzentriert die Pralinés-Form mit Farbe besprüht und dann mit Schokolade übergiesst. Umgeben von Süssem in der Bäckerei-Confiserie Böhli AG in Appenzell ist die junge Konditor-Confiseurin in ihrem Element.

Weiteste Reise des Lebens

Derzeit verbringt sie neben der Arbeits- auch einen Grossteil ihrer Freizeit im Geschäft. «Nach Feierabend habe ich Zeit zum Üben für die Weltmeisterschaft.» Im August vertritt sie die Schweiz an den WorldSkills im brasilianischen São Paulo (siehe Kasten). Dafür hat sich die Dritte der Schweizer Berufsmeisterschaften im Ausscheidungswettkampf Anfang Jahr qualifiziert. Und kommt so zur weitesten Reise ihres Lebens. «Ich bin auf einem Bauernhof in Eggersriet aufgewachsen und bin erst sehr selten gereist – und noch nie weiter als bis nach London», sagt Andrea Hohl. Die Vorfreude aufs Abenteuer WM ist ihr anzumerken. Statt sich in Reiseführer zu vertiefen, befasst sie sich aber lieber intensiv mit Marzipan, Couverture, das ist Schokolade in Rohform, und Zucker – den Zutaten, die in Brasilien über Sieg und Niederlage entscheiden.

WM-Teilnahme öffnet Türen

«Meine Vorgesetzten unterstützen mich sehr, ich habe mein Pensum vorübergehend auf 80 Prozent reduzieren können und darf hier in Appenzell üben», sagt die Confiseurin. Die restlichen 20 Prozent Arbeitszeit verbringt sie mit ihren Trainern in Schwyz oder Luzern. «Ich übe mit Franz Ziegler in Schwyz für die Marzipanfiguren, die wir auch zusammen entworfen haben. An der Richemont-Fachschule in Luzern habe ich einen weiteren Coach, und bei Felchlin in Schwyz kann ich unter anderem mein Schaustück aus Zucker üben.» Den grossen Aufwand nimmt Andrea Hohl gern auf sich. «Die Teilnahme an den WorldSkills ist eine tolle Erfahrung, die mich auch beruflich weiterbringt. Ich bin noch nicht einmal ein Jahr aus der Lehre und habe durch die Wettbewerbe schon so viel dazugelernt und Kontakte geknüpft. Ich glaube, ich muss keine Angst mehr haben, einmal keine Arbeit zu finden – und auch die Türen ins Ausland stehen offen.»

Klima als Unsicherheitsfaktor

Konkrete Pläne hat sie noch nicht. Erst steht die Reise nach Brasilien an. Die Vorbereitungen dafür laufen auch auf nationaler Ebene. Alle 40 Schweizer WM-Teilnehmer fliegen am 4. August gemeinsam nach Brasilien. Bereits jetzt findet jeden Monat ein Teamwochenende statt. Nervös ist Andrea Hohl noch nicht. «Bis jetzt läuft alles nach Plan, und dass die Qualifikation nach dem gleichen Modus lief wie die WM, hilft mir. Mental werden die vier Wettkampftage aber sicher anspruchsvoll.» Unklar sei, wie sich das feuchte Klima auswirke. «Wir bekommen aber eine eigene Schutzhalle, weil die Arbeit gerade mit Zucker heikel ist.»

Apropos Zucker: Zu viel des Süssen wurde es Andrea Hohl noch nie. «Ich habe früher jeden Samstag mit meiner Schwester einen Kuchen gebacken und bin so auf den Geschmack gekommen. Heute habe ich meinen Traumberuf.» Sie müsse sich bis heute manchmal zurückhalten. «Beim Auflösen der Couverture oder so ist's halt schnell mal passiert, dass ein Stück im Mund landet», gesteht sie und lacht.

Abschluss am Zuckerhut

Lachen will sie auch nach dem Wettkampf in São Paulo noch. «Das werde ich, wenn ich am Ende weiss, dass ich alles gegeben habe. Natürlich wäre eine Medaille toll. Um das zu schaffen, muss man in allen Disziplinen konstant gut sein.» Ein persönlicher Höhepunkt ist ihr nach den WorldSkills bereits jetzt sicher. «Unser Team reist noch zwei Tage nach Rio de Janeiro», freut sich Andrea Hohl. Klar, in Konditorsprache geht's ja an den Zuckerhut.