Mit Prognosen zu internationalem Ruf

ST. GALLEN. Der frühere HSG-Rektor und Wirtschaftsprognostiker Francesco Kneschaurek ist 90 Jahre alt. Über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist der bis heute in der Stadt St. Gallen lebende Wissenschafter durch seine Perspektivstudien.

Richard Clavadetscher
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Francesco Kneschaurek Volkswirtschafter an der HSG und Wirtschaftsprognostiker. (Bild: pd)

Francesco Kneschaurek Volkswirtschafter an der HSG und Wirtschaftsprognostiker. (Bild: pd)

«Vorhersagen sind schwierig – besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.» So lautet ein Bonmot im englischen Sprachraum. Francesco Kneschaurek, der an diesem Samstag 90 Jahre alt wird, hat sich diesen Schwierigkeiten gestellt, und er hat es weit gebracht damit: bis zum führenden Wirtschaftsprognostiker mit internationalem Renommée nämlich.

Der während drei Jahrzehnten an der HSG lehrende Wissenschafter wurde 1924 in Lugano geboren. Der Sohn eines Hoteliers besuchte erst das Handelsgymnasium in Bellinzona, bevor er in der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre ein Ökonomiestudium an der Handelshochschule St. Gallen absolvierte und 1951 doktorierte. Nach einer Zeit als volkswirtschaftlicher Berater der Generaldirektion der Georg Fischer AG in Schaffhausen und einem Studienaufenthalt in den USA lehrte Kneschaurek ab 1960 an der HSG, der er zwischen 1966 und 1971 auch als Rektor vorstand.

Von 1968 bis 1973 leitete Kneschaurek als Beauftragter des Bundesrates die Erstellung von Perspektivstudien über die Entwicklung der schweizerischen Volkswirtschaft bis zum Jahr 2000. Ab 1972 war er Präsident des St. Galler Zentrums für Zukunftsforschung, ab 1973 während vier Jahren zudem Delegierter des Bundesrates für Konjunkturfragen. Von 1974 an leitete er auch die Schweizer Delegation beim Comité de politique économique der OECD in Paris.

Im Auftrag des Bundesrates

Auch einem nichtwissenschaftlichen Publikum bekannt geworden ist Kneschaurek durch seine Perspektivstudien, die er im Auftrag des Bundesrates erstellte. Als sogenannte Kneschaurek-Berichte trugen sie seinen Namen.

Mit dem Namen des Wissenschafters verbunden bleibt die ihm zugeschriebene (Fehl-)Prognose von zehn Millionen Einwohnern in der Schweiz im Jahr 2000 – zu Unrecht, wie Eingeweihte sagen. Ob Kneschaurek diese Prognose schlicht unterstellt worden ist oder ob er sie in seinen Arbeiten tatsächlich einmal als extreme Variante möglicher Entwicklungen berücksichtigt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. In seinen für den Bundesrat erstellten und 1974 publizierten Perspektivstudien, dem umfangreichen Grundlagenwerk über die Zukunft der Schweiz, rechnete Kneschaurek jedenfalls für die Jahrtausendwende unter bestimmten Bedingungen mit 7 bis 7,1 Millionen Einwohnern – und traf damit die Realität (7,2 Millionen) erstaunlich genau.

Die Zehn-Millionen-Schweiz wurde vom Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung an der ETH Zürich als Planungsgrundlage genommen. Kneschaurek war der willkommene Sündenbock für Vorhaben, die sich bald einmal als zu grosszügig bemessen herausstellten. Das ETH-Institut hat dies später selbstkritisch eingestanden.

Neue methodische Wege

Tatsache ist indes, dass Kneschaurek für seine Perspektivstudien neue methodische Wege entwickelte und beschritt. Dazu gehörte die Szenariotechnik, heute wohl wichtigste Methode der Zukunftsforschung. Dahinter steht die Erkenntnis, dass zur Vorbereitung eines Entscheides auch die Alternativen sorgfältig zu erkunden sind. Auf Bundesebene waren Kneschaureks Studien jedenfalls gefragt und geschätzt. Als Delegierter für Konjunkturfragen und auch bei der OECD konnte er seine Erkenntnisse gestaltend umsetzen.

Umsichtiger Rektor

«Zu Hause» an der HSG bleibt vom weit herum bekannten Volkswirtschafter in Erinnerung, dass er als Rektor in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre, also in einer für die meisten Hochschulen nicht einfachen Zeit, die HSG umsichtig und diplomatisch durch alle Fährnisse steuerte. In der akademischen Lehre habe Kneschaurek durch Brillanz und Fachkenntnis überzeugt, sagen Zeitgenossen. Ein stets «volles Haus» voller aufmerksam lauschender Zuhörer sei ihm deshalb sicher gewesen. Erwähnt sei ferner der Aufbau des ISC-Symposiums (heute St. Gallen Symposium), den er fachlich begleitete und dem er immer eng verbunden blieb.

Seit Francesco Kneschaurek das Tessin für sein Studium an der damaligen Handelshochschule St. Gallen verliess, lebt er in St. Gallen.