Mit Kopftuch ans Krankenbett

Würde Letvane Berisha kein Kopftuch tragen, wäre der Muslima im Leben manches leichter gefallen. Im August tritt die junge Ärztin eine neue Stelle am Kantonsspital St. Gallen an.

Markus Rohner
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Letvane Berisha ist gläubige Muslima und trägt auch als Spitalärztin ihr Kopftuch. (Bild: Daniel Ammann)

Letvane Berisha ist gläubige Muslima und trägt auch als Spitalärztin ihr Kopftuch. (Bild: Daniel Ammann)

Ein paar bodenständige und konservative Rheintalerinnen und Rheintaler mussten zuerst einmal leer schlucken und gaben ihrem Erstaunen mit grossen Augen Ausdruck, als eine Ärztin mit Kopftuch an ihr Bett trat. «Zu Reklamationen und Beschwerden ist es in den zwei Jahren nie gekommen», sagt Chefarzt Paul Josef Hangartner vom Spital Altstätten. 2009 hat die aus Kosovo stammende Letvane Berisha im Rheintal ihre erste Stelle als Assistenzärztin angetreten. Zuvor hatte sie erfolglos mehr als ein Dutzend Bewerbungen an Spitäler in der ganzen Deutschschweiz geschickt. Kein Spital wollte eine Ärztin einstellen, die auf dem Bewerbungsfoto ein Kopftuch trägt und darauf pocht, bei der täglichen Arbeit das umstrittene Stoffstück tragen zu dürfen.

Der Spital Altstätten ging schliesslich das «Wagnis» ein. «Wir hatten uns im Team diese Anstellung gut überlegt», erinnert sich Chefarzt Hangartner. Unter den Ärzten und dem Pflegepersonal war man sich schnell einig, dieser selbstbewussten Frau eine Chance zu geben. Aber wie würden in diesem konservativen Tal die Patienten reagieren?

Gläubige Muslima

Die Skepsis ist schnell der Akzeptanz gewichen. Die Patienten hätten auf die moslemische Ärztin erstaunlich gelassen reagiert, sagt Hangartner. Eine einzige negative, anonyme Reaktion habe er erhalten. Ein grosser Vorteil sei gewesen, dass Frau Berisha Schweizerdeutsch gesprochen habe. Auch die Ärztin selbst erlebte nur positive Reaktionen: «Nach zwei Wochen war mein Kopftuch am Spital kein Thema mehr.»

Letvane Berisha ist 1993, kurz vor der Eskalation der jugoslawischen Kriegswirren, im Alter von zwölf Jahren mit Mutter und Geschwistern zu ihrem Vater nach Gossau gekommen. Dort besuchte sie die katholische Mädchensekundarschule, später die Kantonsschule in St. Gallen. In dieser Zeit hatte sie noch nicht den Mut, das Kopftuch zu tragen. «Aber im Alter von 20 Jahren war ich sicher, dass das Kopftuch zu mir als gläubige Muslima gehört. Ich trage es aus Überzeugung.» Seither geht sie nie mehr ohne das Stück Stoff auf dem Kopf in die Öffentlichkeit. Letvane Berisha entstammt keiner strenggläubigen Moslemfamilie. Die studierte Tochter praktiziert ihren Glauben aus freien Stücken. Fünfmal täglich führt sie die islamischen Ritualgebete durch, hält sich an die Regeln des Ramadans, und lebt so, wie es viele gläubige Muslimas tun. Ist Gebetszeit angesagt, zieht sie sich im Spital mit dem Teppich in ein stilles Zimmer zurück und betet zu Allah. «Wer während der Arbeit fünf Minuten betet, verlässt nicht gleich den Berufsalltag», sagt sie. Selbst die strenge Fastenzeit – 2011 beginnt für die Moslems am 1. August mitten im Hochsommer – konnte sie ohne Probleme einhalten. «Frau Berisha hat ihre ärztlichen Aufgaben wegen ihres Glaubens nie vernachlässigt», bestätigt Chefarzt Paul Josef Hangartner.

Gegenseitige Toleranz

Letvane Berisha will Fachärztin für Innere Medizin werden. Im August tritt sie am Kantonsspital in St. Gallen eine neue Stelle an. Dort gab es früher eine Regelung, die Ärzten und Pflegepersonal das Kopftuchtragen untersagte. Beim Bewerbungsgespräch erfuhr die moslemische Ärztin, dass die KSSG-Leitung mehr als ein Jahr über das heikle Thema diskutiert hat. Heute ist das Kopftuch am Kantonsspital kein Hindernis mehr für eine Anstellung.

Paul Josef Hangartner ist überzeugt, dass das moslemische Kopftuch in der Gesellschaft bald einmal kein Thema mehr sein wird. «Es gibt in der Schweiz immer mehr moslemische Frauen, die gut ausgebildet sind und im Beruf ein Kopftuch tragen möchten.» Gegen diese Frauen allein wegen eines Kopftuches ein Berufsverbot zu erlassen sei höchst problematisch. Heute ist der Chefarzt froh, dass er mit seinem Team und der moslemischen Ärztin «das Wagnis» eingegangen ist. «Wir haben nur positive Erfahrungen gemacht.» Nicht nur das: In den letzten zwei Jahren hat das Spitalpersonal in Altstätten manch Interessantes über den Islam erfahren. «Kulturell und kulinarisch», fügt Hangartner an.

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