Mit Herz, ohne Schnickschnack

ST.GALLEN. Vor über zwei Jahren gewann das Projekt «Josy und Orazio» den Wettbewerb für die Neugestaltung von Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt. Mitverfasser Martin Engeler spricht über die Zeit danach, über Plätze. Und über Calatrava.

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«Die Calatrava-Halle ist am falschen Platz», sagt Martin Engeler, Mitverfasser des Siegerprojekts. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Die Calatrava-Halle ist am falschen Platz», sagt Martin Engeler, Mitverfasser des Siegerprojekts. (Bild: Hanspeter Schiess)

Herr Engeler, was machen Sie am 15. Mai?

Martin Engeler: Ich habe ein Familientreffen (lacht). Aber natürlich werde ich mich darüber informieren, wie das Volk über die Marktplatz-Neugestaltung entscheidet.

Haben Sie sich in den letzten zwei Jahren ausschliesslich mit der Marktplatz-Neugestaltung beschäftigt?

Engeler: Nein, wir haben noch andere Projekte, an denen wir arbeiten. Aber wir haben schon viel Zeit ins Marktplatz-Projekt investiert, alles zusammengerechnet bestimmt ein Jahr.

Das Projekt ist nicht mehr dasselbe. Wie fühlt es sich an, wenn sich die halbe Stadt in die Arbeit einmischt?

Engeler: Es ist ein gutes Gefühl, ehrlich. Es zeigt, dass sich die Leute damit beschäftigen. Dass der Marktplatz ihnen wichtig ist. Natürlich mussten wir als Architekten den verschiedenen Anliegen Rechnung tragen. Wir konnten uns nicht einfach auf unsere erste Lösung fixieren und nicht mehr weiterdenken. Man muss abwägen, was zuträglich, was schädlich ist für ein Projekt.

Wurde das Projekt durch die nachträglichen Änderungen nicht verwässert?

Engeler: Nein, gar nicht. Ich erkenne «Josy und Orazio» noch. Und ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass es ein gutes Projekt ist. Auch mit den Änderungen.

Böse Zungen behaupten, für dieses Projekt hätte es gar keinen Architekten gebraucht, sondern nur einen Verkehrsplaner.

Engeler: Das ist falsch. Wir als Architekten sind uns daran gewöhnt, ein solches Projekt als Gesamtheit zu betrachten. Selbstverständlich braucht es Fachleute aus verschiedenen Bereichen. Aber es braucht auch solche, die den Überblick haben.

Wie war die Zusammenarbeit mit diesen Fachpersonen, mit der Stadt?

Engeler: Generell funktionierte die Zusammenarbeit gut. Aber wir haben auch Auseinandersetzungen gehabt, haben uns «gerieben». Das ist wichtig in einem solchen Prozess. Und davor darf man sich bei einem so grossen Projekt nicht scheuen.

Bereits kurz nach der Bekanntgabe des Siegerprojektes formierten sich die Gegner. Gab es solche, die auf Sie persönlich zugekommen sind?

Engeler: Natürlich. Ich sprach oft mit Kritikern. Es gab Bekannte, die mich beispielsweise gefragt haben, was um Himmels Willen wir uns dabei gedacht hätten, ohne die Calatrava-Halle zu planen.

Hand aufs Herz: Tut es Ihrer Architektenseele denn nicht weh, die Calatrava-Halle zu verlegen?

Engeler: Ich respektiere Santiago Calatrava als Architekten. Vielleicht ist es eine Anmassung, dass wir uns als Provinz-Architekten erlauben zu sagen, dass die Calatrava-Halle am falschen Ort ist. Aber davon bin ich überzeugt, seit sie erstellt wurde. Hinzu kommt, dass Calatrava seine ursprüngliche Idee auf dem Bohl gar nicht verwirklichen konnte. Ursprünglich hätte die Halle bewegliche «Flügel» gehabt. Die mussten aber gestutzt werden. Die Halle an und für sich ist zwar schön und gut – nur hat Calatrava während der Planung die Umgebung ausgeblendet.

Also schmerzt es Sie nicht, dass sie wegkommen soll.

Engeler: Was mir wehtut ist, dass ich etwas vorschlage, das einem Architektenkollegen bestimmt wehtut. Also Santiago Calatrava. Aber ich bleibe dabei – die Halle steht am falschen Ort.

Und ohne Halle soll der Bohl nun zu einem richtigen Platz, zu einer Piazza werden.

Engeler: Ja. Denn jeder Ort braucht eine Mitte. Plätze waren schon immer zentrale Elemente von Stadtgründungen. Ein guter Platz kommt mit wenig Möblierung und wenig Schnickschnack aus.

Dafür wird auf dem Bohl künftig 50 Prozent mehr öV verkehren als heute. Kann so überhaupt ein Platzgefühl entstehen?

Engeler: Natürlich. Den Marktplatz in St. Gallen kann man gut mit jenem in Basel vergleichen. Dort fährt der Verkehr am Rande des Platzes vorbei. Dennoch ist der Platz als solcher spürbar.

Was würde passieren, wenn das Stimmvolk die Vorlage ablehnen würde?

Engeler: Das ist Berufsrisiko. Aber das würde mich wirklich schmerzen. Es ist eines der wichtigsten Projekte für mich – obwohl ich Projekte nur ungern in wichtig und unwichtig einteile. Aber ich bewege mich seit 35 Jahren in dieser Stadt. Und deren Herz liegt mir sehr am Herzen.

Interview: Malolo Kessler

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