Mit fünf Zeilen zum Liebesglück

Zehn Jahre lang, bis zu ihrem Tod, hat Notker Angehrn seine MS-kranke Frau gepflegt. Dank einer Kontaktanzeige fand er mit Annemarie Schmid ein neues Glück. Mit 72 holen sie nun das nach, worauf sie beide jahrelang verzichtet haben.

Corinne Allenspach
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Annemarie Schmid und Notker Angehrn im Garten: «Alle sagen, wir haben recht damit, es zu geniessen.» (Bild: Peter Käser)

Annemarie Schmid und Notker Angehrn im Garten: «Alle sagen, wir haben recht damit, es zu geniessen.» (Bild: Peter Käser)

REGION. Um ein Haar wäre es schief gegangen. Annemarie Schmid hatte die Kontaktanzeige zwar gesehen, am Samstag auf der «Treffpunkt»-Seite im Tagblatt. Und sie war auch sofort angetan vom «vitalen 70er», der eine «liebe Partnerin, etwas sportlich und mit Freude an der Natur» suchte. Aber just an diesem Tag waren ihre Enkel da. «Da konnte ich doch nicht anrufen», sagt die 72-Jährige, «was hätten denn die Kleinen gedacht.» Die Zeitung verschwand daraufhin versehentlich im Altpapier.

Zum Glück sei die Anzeige eine Woche später nochmals drin gewesen. Die Rorschacherbergerin, die sich «ins Füdli chlübe» musste, rief an – und bereits beim ersten Rendez-vous funkte es. Das war vor einem Jahr. Seither haben Annemarie Schmids und Notker Angehrns Leben nochmals neu angefangen.

Ein Bijou für Mensch und Tier

Die beiden 72-Jährigen sitzen in seinem Garten im Weiler Waldegg, an der Grenze von Mörschwil zu Tübach. Es ist ein herrlicher Sommermorgen, so dass sich das kleine Bijou, das hier entstanden ist, nachdem der ursprüngliche Bauernhof 2003 wegen eines Blitzschlags niedergebrannt war, von seiner besten Seite zeigt. Im Stall nebenan gackern die Hühner, die beiden Esel freuen sich übers frische Heu, die Geissen suchen im Schatten Schutz vor der Hitze und im grossen Garten blühen Stockrosen, Hibiskus und Sonnenhut um die Wette. Sie habe zwar «nichts am Hut» mit Landwirtschaft, gesteht Annemarie Schmid, die in Rorschacherberg in einer stilvollen Eigentumswohnung wohnt: «Aber hier fühle ich mich sehr wohl.»

Sich mit 72 wie 21 fühlen

Notker Angehrn, Bauernsohn und bis zur Pension als Redaktor auf der Tagblatt-Stadtredaktion tätig, streicht seiner Partnerin über den Arm. Manchmal kann er es noch immer nicht ganz fassen, dass sein Leben wegen fünf Zeilen Kontaktanzeige, auf die sich rund ein Dutzend Frauen meldeten, eine solche Wende genommen hat. Er grinst spitzbübisch: «Ich sage immer, ich fühle mich nicht mehr wie 20, aber wieder wie 21.»

Dabei bestand Notker Angehrns Leben einst vor allem aus Verpflichtungen. Zehn Jahre lang war seine an Multiple Sklerose erkrankte Frau Friedel auf den Rollstuhl angewiesen. Zehn Jahre lang hatte er sie daheim liebevoll gepflegt, selbst als sie nichts mehr selber machen konnte. Nach ihrem Tod 2013 habe er ein Jahr gebraucht, um sich neu zu orientieren. «Nach einer Zufallsbekanntschaft habe ich dann gedacht, es wäre schon schön, wieder jemanden an der Seite zu haben.» Bis er seine erste Kontaktanzeige aufgab, dauerte es aber nochmals eine Weile. «Wenn du nach fast 50 Jahren Ehe wieder suchst, muss du zuerst herausfinden, was du eigentlich willst.» Sicher war für ihn: Er wollte keine jüngere Frau. Dafür eine, die in der Region wohnt und rasch sein Umfeld kennenlernt. Annemarie Schmid seufzt. Das sei etwas, das sie zuerst habe lernen müssen: «Notker hat man nicht für sich allein.» Er hat eine grosse Familie mit vier Kindern und bald elf Enkeln, arbeitet viel im Garten, fährt als Freiwilliger fürs Rote Kreuz, geht jeweils als Fahrer und Hilfspfleger mit ins MS-Lager, pflegt Kontakte zu Kranken und leitet Ferienlager für ältere Landwirte. Für ihn eine Selbstverständlichkeit: «Solange es einem gut geht, kann man ruhig ein bisschen Sozialeinsatz leisten.»

Versäumtes nachholen

Und dass es Notker Angehrn und Annemarie Schmid gut geht, ist unverkennbar. Oder wie er es formuliert: «Wir haben Spass aneinander und miteinander.» «Also wirklich», wirft sie mit gespielter Entrüstung ein, «du musst jetzt nicht so ins Detail gehen.» Um im gleichen Atemzug zu erzählen, was sie alles unternehmen. Sie gehen oft auf Reisen, kochen zusammen, tanzen, wandern, gehen ins Kino. All das, was sie vorher nicht mehr tun konnten. Denn, so stellten sie beim ersten Kennenlernen fest, auch das verbindet sie: Die gelernte Pharmaassistentin war ebenfalls fast 50 Jahre verheiratet und pflegte ihren lungenkranken Mann bis zum Tod.

Jeder bringt sein Leben mit

Am 11. August sind Notker Angehrn und Annemarie Schmid ein Jahr zusammen. Werden sie feiern? Sie lachen: «Wir haben bisher jeden Monat am 11. gefeiert. Manchmal schon drei Tage vorher.» Das, so geben sie zu bedenken, sei vermutlich einer der grössten Unterschiede zu einer Liebe in jungen Jahren. «Wir geniessen es jetzt. Was will man fünf Jahre warten, dann ist das Leben vielleicht bald vorbei.» Auch Toleranz brauche es im Alter noch mehr, sind sie sich einig. Um zu akzeptieren, was anders ist. «Junge Liebende wachsen zusammen, jetzt bringt jeder sein Leben schon mit.»

Kerze für Partner anzünden

Und dieses war bei beiden trotz der Schicksalsschläge erfüllt von einer schönen Partnerschaft. So steht denn das Foto seiner Friedel immer noch in Notker Angehrns Wohnzimmer. Und regelmässig schicken die beiden «ein Grüessli» an ihre verstorbenen Partner. Oder zünden in der Kirche eine Kerze an.