MINIATURKUNST: Weihnachtsbild des Illuminators

In der St. Galler Stiftsbibliothek befindet sich eine 500-jährige Weihnachtsschrift. Das Pergamentblatt ist kunstvoll bemalt und stammt vom damals bekannten Miniaturmaler Nikolaus Bertschi aus Rorschach.

Otmar Elsener
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Handschrift auf Pergament, um 1500 verziert vom Illuminator Niklaus Bertschi aus Rorschach. (Bilder: PD/Stiftsbibliothek St. Gallen)

Handschrift auf Pergament, um 1500 verziert vom Illuminator Niklaus Bertschi aus Rorschach. (Bilder: PD/Stiftsbibliothek St. Gallen)

Otmar Elsener

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In den Glasvitrinen der Stiftsbi­bliothek bewundern Besucher aus der ganzen Welt das ganze Jahr hindurch die Schätze unseres Weltkulturerbes. Ausgestellt sind Bücher und Handschriften auf Pergamentblättern, die während Jahrhunderten von den Mönchen des Klosters St. Gallen beschrieben wurden. Viele der Blätter sind mit Miniaturbildern und Ranken verziert. Für diese Arbeit holten die Äbte ans Kloster namhafte Künstler aus Süddeutschland, die man Buchmaler oder auch Illuminatoren nannte. Sie malten mit leuchtenden Farben die grösseren Initialen eines neuen Kapitelblattes als Miniaturbild und schmückten die Seitenränder mit feinen Blütenranken und allegorischen Figuren. In der Frühzeit des Buchdrucks verschönerten die gleichen Künstler auch in Werkstätten die ersten Erzeugnisse der Druckkunst – sogenannte Wiegendrucke –, bevor sie zum Buch gebunden wurden.

«N. Bertschi illuminista de Roschach»

Nur wenige Namen dieser frühen Künstler sind überliefert, doch der Name Bertschi war dem einstigen Stiftsbibliothekar Josef Müller (1872–1947) bekannt, denn er war immer wieder in Schriften und Choralbüchern auf den Namen «Niclaus Bertschi» gestossen. Besonders aufgefallen war ihm Bertschis Kunst auf einem Pergamentblatt für den Weihnachtsgottesdienst. Auf der sechseinhalb mal elf Zentimeter grossen Miniatur im Anfangsbuchstaben «P» waren die Geburt des Jesuskindes mit Maria und Josef, Ochs und Esel und die Flucht nach Ägypten dargestellt. So war er erfreut, als er während seiner Recherchen in einem Choralbuch in Rot den handschriftlichen Eintrag «N. Bertschi illuminista de Roschach» entdeckte – Bertschi war also Rorschacher. In illustrierten Berichten in den ­Rorschacher Neujahrsblättern 1936 und 1937 stellte Müller den Maler vor, der vor über 500 Jahren in Rorschach aufgewachsen war.

Der Name Bertschi taucht urkundlich in Rorschach erstmals 1376 auf. Die Bertschis nahmen im 15. Jahrhundert eine geachtete Stellung in Rorschach ein und es findet sich auch der Vorname Nikolaus in den Familien. In den Rorschacher Archiven ist aber kein Buchmaler belegt. Es ist wohl möglich, dass ein Nikolaus Bertschi, geboren zwischen 1470 und 1480, in der Malkunst ausgebildet wurde, nach Süddeutschland auswanderte und sich dort einen Namen als gesuchter Buchmaler erwarb. Von 1511 bis zu seinem Tod 1541 findet sich sein Name in Augsburger Steuerbüchern. Abt Franz Gaisberg, der 1529 während den Reformationswirren im St. Annaschloss starb, berief ihn wegen seines Könnens als Illuminator ins Kloster St. Gallen. So verbrachte Bertschi längere Lebensabschnitte in St. Gallen und wohl auch wieder in Rorschach. 1519 ist er in St. Gallen als Hausbesitzer verzeichnet.

Stolz auf seine Herkunft

Zwei der Kunstwerke von Bertschi zeigen das Wappen des Rorschacher Amtes, das einst die Edlen von Rorschach auf ihrem Schild führten. Ihre Stammburg war das heutige St. Annaschloss. Heute bilden die fünf Rosen auf grünem Grund das offizielle Wappen der Gemeinde Rorschacherberg. Stiftsbibliothekar Müller vermutete, dass Bertschi diese Wappen malte, weil er stolz auf seine Herkunft aus dem Rorschacher Amt war.

Müller schrieb dazu vor 80 Jahren: «Rorschach darf seinerseits stolz sein auf einen tüchtigen, ja hervorragenden Vertreter der Buchmalerei. Der Schmuck der vielen von ihm illuminierten Stift-st.-gallischen Handschriften zeigt ein reifes künstlerisches Können, auch wenn sein Name und sein Ruf erst so spät wiederentdeckt und er seiner Heimat als Unbekannter vorgestellt werden musste.»