Milde Strafe gegen mutmassliche Dealerin

Eine langjährige Drogenkonsumentin hat sich am Kreisgericht gegen den Vorwurf gewehrt, sie habe erneut mit Heroin gedealt. Man habe ihr einen Stempel aufgedrückt, den sie nicht mehr loswerde, sagte sie.

Claudia Schmid
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Die Frau ist über 50 Jahre alt und bereits seit 30 Jahren in der Drogenszene bekannt. Ihr Vorstrafenregister weist mehrere Verurteilungen auf. Sie sei in früheren Jahren mit Sicherheit kein Engel gewesen, doch habe sie seit ihrer Entlassung aus einem längeren Strafvollzug im Jahre 2012 den Heroinhandel sein lassen, erklärte sie am Kreisgericht St. Gallen dem Einzelrichter. Ihr Versuch, das Leben wieder in den Griff zu bekommen, werde durch die falschen Anschuldigungen zerstört.

Konsum, aber kein Handel

Die St. Galler Staatsanwaltschaft hatte der Frau einen Strafbefehl geschickt, mit dem sie eine unbedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 70 Franken und eine Busse von 500 Franken aussprach. Zusammen mit den Verfahrenskosten hätte die Beschuldigte rund 15 000 Franken bezahlen sollen. Die Anklage war davon ausgegangen, dass sie zwischen August 2015 und Februar 2016 mehrere Personen mit Drogen belieferte. Dabei habe es sich um etwa 77 Gramm Heroin gehandelt. Auch Eigenkonsum warf man ihr vor.

Sie gebe zu, Heroin konsumiert zu haben, betonte die Frau. Obwohl sie seit langem im Methadonprogramm sei und dies sehr gut laufe, habe sie ab und zu unbändigen Drang nach einem «Schnupf» Heroin. Bleibe ihr von der schmalen IV-Rente etwas übrig, kaufe sie jeweils ein paar Gramm der Droge für den Eigenkonsum, damit sie nicht auf die Gasse rennen müsse, wenn sie dringend etwas brauche. Mit Sicherheit gefährde sie aber nicht durch Heroinhandel ihr Leben, das seit der Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner in guten Bahnen verlaufe.

Weshalb denn vier Personen unabhängig voneinander berichteten, sie habe ihnen mehrfach Heroin verkauft, wollte der Einzelrichter von der Beschuldigten wissen. Mit der einen Person habe sie seit langem Streit, antwortete sie, bei den anderen wisse sie es nicht. Hunderte Male sei sie von Drogenkonsumenten angequatscht worden, ob sie etwas zum Verkaufen habe. Immer habe sie gesagt, das sei vorbei. Als ehemalige Dealerin stehe sie unter ständiger Beobachtung. Das sei nicht immer einfach. «Bei jedem Telefonanruf, bei jedem Gespräch auf der Strasse wird vermutet, ich sei wieder am Dealen.» Manchmal wisse sie kaum noch, wie sie sich verhalten solle.

Milde walten lassen

Der Einzelrichter am Kreisgericht St. Gallen war von der Unschuld der Frau nicht überzeugt, liess aber beim Strafmass Milde walten. Er verurteilte sie zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 50 Franken mit einer Probezeit von vier Jahren und einer Busse von 1000 Franken. Zudem muss sie die Verfahrenskosten von 2900 Franken bezahlen. Mildernd berücksichtigt habe er, dass die Beschuldigte im Zeitraum der Delikte aufgrund der Trennung von ihrem Lebenspartner eine schwierige Zeit durchgemacht habe. Er könne sich vorstellen, dass sie deshalb mehr Heroin als üblich konsumiert habe und die schmale IV-Rente für den Kauf nicht ausreichte. Auch der Umstand, dass sie nach der Haftentlassung im Jahre 2012 über eine längere Zeit straffrei geblieben sei, habe ihn zu einer günstigen Prognose veranlasst.

Ihr müsse aber bewusst sein, dass nun keine weiteren Verfehlungen mehr drinliegen würden. Sie tue gut daran, das milde Urteil als Chance zu betrachten.