Metropole zwischen München und Mailand

Stadtgespräch oder Dorfgeflüster

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Über ein halbes Jahrhundert, so lange ist es her, seit Gossau die 10000-Einwohner-Marke knackte und sich ganz offiziell mit dem Titel «Stadt» schmücken darf. Und doch scheint die Frage, ob Stadt oder doch Dorf, noch ­immer brandaktuell. So aktuell, dass sich damit Wahlkampf machen lässt. Keine falsche Bescheidenheit zeigt etwa Daniel Lehmann, der sich für den Posten des Stadtpräsidenten bewirbt. Nicht weniger als eine «Metropole» sei seine Heimatstadt, mehr noch, gar «die Metropole zwischen München und Mailand». Da erstaunt es nicht, dass sich Lehmann gleichsam mehr Selbstbewusstsein für Gossau wünscht.

Ganz anders tönt es von Konkurrent Wolfgang Giella, der beim Kernanliegen Verkehr gerne vom Dorfkern spricht. Der Ausdruck Stadtzentrum kommt ihm nicht über die Lippen, darf sich doch sein eigener Wohnort Chur Kantonshauptstadt nennen. Für Daniel Lehmann aus Arnegg dagegen muss Gossau im Gegensatz wahrlich gross erscheinen.

Zumindest in einem Punkt spielt Gossau in einer Liga mit weit grösseren Städten. Beim Verkehr lässt sich das Städtchen nicht lumpen. Bruno Egli, seines Zeichens «Taxi-Tubel» und Exot unter den Anwärtern für das Präsidentenamt, ist sich denn auch sicher, der tägliche Stau ist gewollt: Autokolonnen machten in den Augen der Behörden nämlich eine richtige Stadt erst aus. Ob das die Autofahrer auch so sehen, die täglich wie der Ochs’ vor dem Berg vor dem Gossauer Ochsenkreisel Schlange stehen?

Selbstverständlich hat Bruno Egli auch gleich die passende Lösung parat. Den Kopf in den Wolken, zeigt er sich dabei wenig bodenständig und überflügelt gar Daniel Lehmann an Selbstbewusstsein: Mit «fliegenden Taxis» soll Gossau das Verkehrsproblem hinter, oder eher unter sich lassen. Bleibt zu hoffen, dass es sich bei diesen Wunderwagen nicht um Tiefflieger handelt, sonst hätte Gossau statt mit Stau bald mit Fluglärm zu kämpfen.

Eine Lösung für das Verkehrs­problem, da sind sich wohl alle Gossauer einig, wäre nicht verkehrt. Allerdings fehlte bisher die Patentlösung, um den Knotenpunkt zu entwirren. Zig Versuche wurden bereits unternommen, acht scheiterten an Parlament oder Bevölkerung. Täglich stottern 18000 Fahrzeuge über die St. Gallerstrasse. Bei dieser Anzahl könnte theoretisch jeder Einwohner einmal pro Tag durchfahren. Der Verkehr sei «hausgemacht», wird der Stadtrat nicht müde zu betonen. Vielleicht müssen die Gossauer einfach einmal vor der eigenen Türe kehren? Oder besser noch im hauseigenen «Wohnzimmer».

Ein Klacks, dachten sich wohl die Stadtplaner, als sie vor fünf Jahren mit der Neugestaltung einen Farbtupfer ins Zentrum setzten. Aber was heisst, einen: Hunderte pastellfarbiger Punkte sollten das Zentrum in Wohnzimmer-Atmosphäre tunken, äh tauchen. Inklusive Mobiliar: Die Laternen wurden kurzerhand in Ständerlampen umbenannt, der gemusterte Asphalt zum Teppich erklärt.

Kurzum, die Verantwortlichen erhofften sich ein Zentrum, das – zumindest dem Namen nach – zum Verweilen einlädt. Verweilen tun seither aber vor allem die Autofahrer. Wenn auch unfrei­willig. Immerhin erinnern die unzähligen Fahrzeuge daran, dass es sich tatsächlich um eine Strasse und nicht etwa um die gute Stube der Teletubbies handelt. Nein, das Farbkonzept in Pastell erinnert an eine Kindersendung und zeugt nicht von urbaner Grandezza.

Die Frage, ob Stadt oder doch Dorf, ist damit aber noch nicht geklärt. Weder städtisches Selbstbewusstsein noch provinzielle Bescheidenheit können dar­über hinwegtäuschen: Wer sich selbst davon überzeugen muss, eine Stadt zu sein, ist bestenfalls auf dem Weg dazu. Hoffentlich bleibt dabei nur niemand im Stau stecken. Aber vielleicht eine ­Vorstadt? Schliesslich ist und bleibt das Zentrum von Gossau eine Strasse in Richtung St. Gallen. (nh)