Mehr Freiheiten für Behinderte

RORSCHACH. Die Umsetzung der Menschenrechtskonvention der Uno für Menschen mit Behinderung war Thema der Rorschacher Fachtagung. Ziel ist ein Umdenken: Weg von grossen Heimen hin zu Kleinzentren und freiem Wohnen.

Hansruedi Wieser
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Behindertenpolitik im Fokus: Die Tagungsleiter Urs Baumgartner (links) und Hubert Hürlimann. (Bild: Hansruedi Wieser)

Behindertenpolitik im Fokus: Die Tagungsleiter Urs Baumgartner (links) und Hubert Hürlimann. (Bild: Hansruedi Wieser)

Neue Ansätze, Inputs und Instrumente in der Arbeit für Menschen mit Behinderung waren das Thema an der «Rorschacher Fachtagung», die alle zwei Jahre stattfindet. «Innovation versus Regulation» lautete das Motto der achten Ausgabe. Rund 150 Mitarbeitende aus Heimen und Werkstätten sowie im sozialen Bereich Tätige kamen nach Rorschach. Als Gast aus der Politik begrüsste Tagungsleiter Hubert Hürlimann den Vorsteher des st. gallischen Departementes des Innern, Regierungsrat Martin Klöti.

Schwerpunkt der Referate und Workshops waren die Leitlinien der UNO-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderung. Diese sollen gleichberechtigt ihren Aufenthaltsort wählen und entscheiden können, wo und mit wem sie leben. Damit wird ihnen ein Leben in der und mit der Gemeinschaft ermöglicht.

Die Steirer machen es vor

«Die Zeit der Heime und der geschützten Werkstätten ist vorbei», erklärten Vertreter der Lebenshilfe Graz, grösster Dienstleistungsanbieter für Behinderte in der Steiermark. Diese Organisation arbeitete schon am 2004 in Kraft gesetzten Behindertengesetz mit. Österreich habe sich inzwischen gezielt von den bisherigen grossen Strukturen verabschiedet. Sowohl im Wohn- als auch im Arbeitsbereich. «Wir bieten Behinderten eine Freiheit mit Sicherheit», wurde betont. «Unsere Kunden wohnen inmitten von Quartieren in Wohnformen, die ihren Möglichkeiten und Neigungen entsprechen.» Eingeräumt wurde, dass dieser Paradigmenwechsel vor allem für Angehörige, aber auch für das Personal ein Umdenken, beziehungsweise Loslassen verlangte.

Ein Kunde der Lebenshilfe – ein Behinderter – zeigte auf, wie er vom Betreuten zum Selbständigen Wohnen gefunden hat. Statt einer Betreuung geniesst er heute eine Assistenz. Der Unterschied? «Der Betreuer sagt, wie man etwas machen soll. Der Assistent sagt: Probier es einmal selbst aus!» Die Steirer zeigten sich erstaunt darüber, dass es in der Schweiz noch so viele Grossheime gibt.

Neue Rechtsbasis in St. Gallen

Im Kanton St. Gallen tut sich ebenfalls einiges. Seit Anfang Jahr sind die neuen gesetzlichen Grundlagen im Bereich Behinderung in Kraft. Auch hier wurden die Behindertenorganisationen einbezogen. Unter anderem wurde die Zusammenarbeit mit den privaten Akteuren, insbesondere den Organisationen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, auf eine neue rechtliche Basis gestellt. «Menschen mit Behinderung sind keine Objekte staatlicher Leistungen, sondern einfach Menschen, die ihr Leben gestalten und bewältigen wollen», erklärte Regierungsrat Martin Klöti. «Daran orientieren wir uns.» Der Inhalt des neuen Gesetzes eröffne Möglichkeiten für Neues im breiten Feld der Behindertenpolitik. Im Bereich Wohnen wolle man die gesamte Angebotskette betrachten – also Assistenzbeiträge, begleitetes Wohnen und stationäre Wohnangebote.

Grosse Angebotsbreite

Die Durchlässigkeit der verschiedenen Angebote soll optimiert werden. «Im Bereich Arbeit finden wir ebenfalls eine grosse Bandbreite der Angebote von Tagesstruktur ohne Lohn, über den geschützten Arbeitsplatz, den ausgelagerten Werkstattarbeitsplatz, den Nischenarbeitsplatz bis hin zum Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt», so Klöti. Innovationen erhielten breiten Raum. Die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung müsse als Querschnittsaufgabe verstanden werden.

2015: Willkommen im Dorf…

Zur themenbezogenen Auflockerung trugen der Frankfurter Musikkabarettist René van Roll und der im Emmental wohnende Luxemburger Cartoonist Carlo Schneider bei.

Im Januar 2015 heisst es an der Rorschacher Fachtagung «Willkommen im Dorf…» mit dem Thema «Teilhabe – Inklusion – mehr als ein Gesetz – eine Haltung!».

www.rorschacherfachtagung.ch

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