Mehr Autonomie für Bischöfe

ST. GALLEN. An der Eröffnung der Europäischen Bischofskonferenz fordert der Sittener Bischof Norbert Brunner grössere Autonomie für die Bischöfe. Themen wie Priestermangel und Zulassung zur Weihe sollten auf bischöflicher Ebene behandelt werden.

Daniel Klingenberg
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Sitzen, wo einst der Fürstabt sass: Bischof Markus Büchel, Kardinal Peter Erdö aus Ungarn, Regierungsratspräsident Martin Gehrer (von rechts) im Kantonsratssaal. (Bild: Urs Jaudas)

Sitzen, wo einst der Fürstabt sass: Bischof Markus Büchel, Kardinal Peter Erdö aus Ungarn, Regierungsratspräsident Martin Gehrer (von rechts) im Kantonsratssaal. (Bild: Urs Jaudas)

Kurz vor halb fünf Uhr gestern nachmittag: Bischöfe aus allen Ländern Europas strömen in den Kantonsratssaal in der Stadt St. Gallen. Die gegen 60 kirchlichen Würdenträger, unter ihnen neun Kardinäle, kommen in einen ehemals kirchlichen Raum: Der Kantonsrat tagt nämlich in dem vom damaligen Fürstabt 1769 errichteten «Thronsaal», der 1805 an den Kanton ging. Aus der dunkel gewandeten Männergesellschaft sticht der St. Galler Bischof Markus Büchel farbig heraus. Als Hausherr empfängt er in der Soutane mit violettem Gürtel, in der Fachsprache Cingulum.

Der Heilige Geist soll kommen

Dann geht es los: Die Bischöfe stehen auf und stimmen ein kräftiges «Veni Creator Spiritus» an. Der Heilige Geist soll inspirierend an der Tagung dabei sein. Kaum in den Gesang einstimmen kann allerdings Regierungsratspräsident Martin Gehrer: Etwas ratlos schaut er auf das Liedblatt.

«Weit weg vom Schuss»

Dann eröffnet Bischof Markus Büchel die Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE). Er stellt den Glaubensboten Gallus in Zusammenhang mit dem CCEE: «Aus den christlichen Wurzeln in die Gesellschaft hinein wirken war hier durch all die Jahrhunderte präsent.»

In seiner launigen und staatsmännischen Rede geht Martin Gehrer durch die Geschichte des CCEE-Sekretariats mit Sitz in St. Gallen. Besonderen Respekt wird dabei dem ehemaligen CCEE-Generalsekretär und Vorgänger von Markus Büchel, Bischof Ivo Fürer, erwiesen. Er ist ebenfalls im Saal. 1993 sollte das CCEE-Sekretariat entweder nach Rom oder nach Prag, blieb dann aber doch in St. Gallen. Was Gehrer mit dem Sprichwort «Weit weg vom Schuss gibt alte Krieger» quittiert – womit in diesem Fall die Distanz zu Rom gemeint ist. Bischof Büchel wiederum nimmt dies mit den Worten «Humor tut uns auch in der Kirche gut» auf.

Die Sache mit dem «Argwohn»

So geht es hin und her mit Freundlichkeiten, bis der Sittener Bischof Norbert Brunner spricht. Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz beginnt mit der Feststellung, dass der «Einrichtung von Bischofskonferenzen» von der römischen Kurie teils mit «Argwohn» begegnet werde. Dann fordert er «Strukturen der Subsidiarität» in der katholischen Kirche. Es solle nur das in Rom «zentral geregelt» werden, was für die Einheit der Kirche notwendig sei.

Aber es seien die «Vielfalt» und die «Eigenfunktion» der «sich von unten aufbauenden sozialen Einheiten» zu respektieren. Im Klartext: Die Bischöfe und Bistümer brauchen mehr Autonomie. Bischof Brunner macht auch klar, welche Entscheide innerhalb einer stärkeren Autonomie der Bischöfe zu fallen haben: in Fragen des Priestermangels, der Zulassungsbedingungen zu den Weihen, der Eucharistie für Wiederverheiratete. Solche Fragen müssten an Versammlungen von Bischöfen «theologisch vertiefend beantwortet» werden.

Bischöfliche Kleiderkunde

Das Medieninteresse ist gross: Gegen 30 Vertreter von Print-, Radio- und TV-Stationen aus dem In- und Ausland sind da. Sicherheitsleute, auch sie in Schwarz, stehen an den Eingängen zum Saal. Sie sorgen für die Sicherheit von Kirchenleuten wie Sergius Gajek, dem Archamandriten aus Weissrussland. Freundlich lässt er sich mit einem Mix aus Italienisch und Englisch in das Gespräch ein. Und am Rande der Eröffnung gibt es auch eine Lektion in bischöflicher Kleiderkunde. Bischöfe tragen alle ein Kreuz – das sie manchmal in die Brusttasche stecken, damit es nicht so baumelt.