Mehr als nur über Dächer springen

ST.GALLEN. Mauern, Spielplätze, Hausdächer: Für den Verein Parkour Family sind das keine Hindernisse, sondern willkommene Übungsobjekte für ihren Sport. Im Juni zeigen die Jugendlichen ihre kunstvollen Sprünge vielleicht sogar im Fernsehen.

Corinne Allenspach
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Der Rote Platz in St.Gallen ist ein beliebter Trainingsort für die Parkour Family. Hier übt Cornel Wenk aus Grub einen spektakulären Sprung. (Bild: Michel Canonica)

Der Rote Platz in St.Gallen ist ein beliebter Trainingsort für die Parkour Family. Hier übt Cornel Wenk aus Grub einen spektakulären Sprung. (Bild: Michel Canonica)

Was für eine Energie! Hier schnell ein Vorwärtssalto, da eine Rolle rückwärts, dort einige Meter im Handstand laufen oder sich an einer Verkehrstafel emporhangeln. Und das alles mit einer Leichtigkeit, als handle es sich um einen Sonntagsspaziergang. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, seit Jugendliche aus der Region den Verein Parkour Family St. Gallen (pfsg) gegründet haben. Seither nehmen sie ihre Umgebung mit anderen Augen wahr. «Egal, wo wir sind, wir halten immer nach einem möglichen Trainingsort Ausschau», sagt David Marti aus Berg TG. Mit 24 Jahren ist der gelernte Maurer, der eine zweite Ausbildung als Automech macht, das älteste Vereinsmitglied. Der 14jährige Moritz Dätwyler aus Mörschwil ist der jüngste.

Trainieren statt Ausgang

Rund ein Dutzend Mitglieder zählt die Parkour Family aktuell. In den Augen der meisten Leute seien sie einfach «die, die von den Hausdächern springen», sagt Aurelius Hanak. Der 17-Jährige aus Speicherschwendi präsidiert den Verein. Parkour sei für sie nicht nur eine Sportart, sondern eine Lebenseinstellung. Man erfahre viel über den eigenen Körper, lerne körperliche und geistige Grenzen überwinden. Der 20jährige Automobilfachmann David Broger aus St. Gallen geht noch weiter: «Parkour hat mein Leben verändert», sagt er. Seit er im Verein sei, gehe er am Freitag trainieren statt in den Ausgang. «Bei uns kann man die anderen nicht beeindrucken, wenn man fünf Biere getrunken hat. Sondern damit, dass man 30 Saltos gemacht hat.» David Marti betont, er habe sogar aufgehört zu rauchen.

Positive Reaktionen der Leute

Baumstrünke, Klettergerüste, Mauern, Hausdächer, Schluchten: Die Parkour Family nutzt jedes «Hindernis» als Sportgerät. Dreimal pro Woche trainieren sie in einer Kunstturnhalle in Wil, hinzu kommt Krafttraining als Basis. Am Wochenende üben sie draussen, etwa im Verzasca-Tal im Tessin, an der HSG oder auf dem Roten Platz in St. Gallen. Die wenigen Touristen, die an diesem Morgen vorbeikommen, zücken sofort die Kameras, um die waghalsigen Kunststücke festzuhalten. In der Regel seien die Reaktionen der Leute positiv, sagt Aurelius: «Bisher wurden wir erst an zwei Orten fortgejagt.»

Eigentlich sei Parkour einfach «umägumpä». Je mehr man das mache, desto kunstvoller werden die Bewegungen. Wobei man darauf achte, möglichst gut abzufedern, um Verletzungen zu verhindern. «Gefährlich ist Parkour nur dann, wenn man sich selber nicht richtig einschätzen kann.» Manchmal, da verlange es schon viel Mut, ergänzt der 17jährige Patrick Eberle aus Mörschwil: «Von der 14-Meter-Brücke im Verzasca-Tal zu springen, brauchte ziemlich Überwindung. Aber nachher war es so ein schönes Gefühl.»

Filmdreh für Beatrice-Egli-Show

Der Zusammenhalt im Verein wird grossgeschrieben. Immer wieder loben sich die Jugendlichen gegenseitig und helfen einander, wo nötig. Man sei halt «fascht ä Familiä». Was sie an Parkour auch cool finden: Es gibt keine Gewinner und Verlierer – und keine Trainer. «Man sieht, wie die anderen Fortschritte machen, das spornt an», sagt Patrick Eberle. Anspornen tut sie momentan auch anderes. Kürzlich wurden sie angefragt, in Beatrice Eglis neuer Sendung «Die grosse Show der Träume» aufzutreten. Morgen Sonntag kommt ein Fernsehteam, um die Parkour Family zu filmen. Können die Jugendlichen die Jury von ihrem Können überzeugen, sind sie im Juni auf SRF und ARD zu sehen.

Die Vereinsmitglieder spornen David Broger an, der im Handstand läuft. David Marti beweist seine Muskelkraft an einem Strassenschild. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Die Vereinsmitglieder spornen David Broger an, der im Handstand läuft. David Marti beweist seine Muskelkraft an einem Strassenschild. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Jugendliche aus der Region haben einen "Parcours"-Verein gegründet. Dabei springen sie über Häuser oder an Mauern hoch und machen "Kunststücke" in der freien Natur. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Jugendliche aus der Region haben einen "Parcours"-Verein gegründet. Dabei springen sie über Häuser oder an Mauern hoch und machen "Kunststücke" in der freien Natur. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))