Mehlwürmer ja, aber zerstückelt

Bald sollen in der Schweiz Insekten als Lebensmittel zugelassen werden. Dabei wird auch die Verarbeitungsweise diskutiert. Die Mehlwurmzüchter aus Mörschwil warten den Beschluss ab, untätig sind sie aber dennoch nicht.

Angelina Donati
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Insekten zu essen braucht Überwindung. «Insbesondere, wenn sie als Ganzes aufgetischt werden», sagt Mehlwurmzüchter Matthias Grawehr. (Bild: pd/Robert Stürmer)

Insekten zu essen braucht Überwindung. «Insbesondere, wenn sie als Ganzes aufgetischt werden», sagt Mehlwurmzüchter Matthias Grawehr. (Bild: pd/Robert Stürmer)

MÖRSCHWIL. Wer im Internet nach Bildern von Mehlwürmern sucht, kann unter Umständen rasch den Appetit verlieren. Der Ekelfaktor ist hoch. Dem pflichtet selbst Matthias Grawehr bei. Der Mörschwiler ist Mitgründer und Geschäftsführer des Jungunternehmens Essento, welches Mehlwürmer züchtet, verarbeitet und künftig schweizweit vertreiben möchte. «Als ich erstmals einen Mehlwurm essen wollte, musste auch ich mich überwinden, aber dann überzeugte der Geschmack», erinnert sich der 26-Jährige. Als er als Student der Internationalen Beziehungen in Ghana und Indien arbeitete, habe er kein einziges Insekt gegessen. Er könne daher jeden verstehen, der die Tiere nicht probieren möchte. «Es liegt an unserer Kultur. Wir wurden schliesslich so erzogen.»

Mit Beschriftung deklarieren

Genau deshalb aber komme es hier in der Schweiz auf die Zubereitung der Insekten an, sagt der Mörschwiler, der auf einem Bauernhof aufwuchs. «Kommen Insekten als Ganzes auf den Tisch, ist die Überwindung, sie zu essen, viel grösser als wenn sie verarbeitet sind. Das ist statistisch belegt», sagt Matthias Grawehr.

Ob Insekten als solche erkennbar sein müssen, wird derzeit im Bundeshaus in Bern diskutiert. Denn bei verarbeiteten Insekten sieht der Bund eine Täuschungsgefahr für die Konsumenten. Zu Recht, sagt Grawehr. Die Produkteinhalte liessen sich aber mit einer detaillierten Verpackungsbeschriftung deklarieren.

Auch argumentiert der Mörschwiler mit der Rechtsgleichheit. «Ein Schwein etwa ist ja ebenfalls nicht nur als Ganzes erhältlich, sondern auch verarbeitet.» Da es sich bei der Verordnung um einen Entwurf des Bundes handelt, steht nicht einmal abschliessend fest, ob der Handel von Insekten als Lebensmittel in der Schweiz überhaupt erlaubt wird. Im Vorschlag würden drei Arten im neuen Lebensmittelgesetz aufgenommen: Wanderheuschrecken, Mehlwürmer und Heimchen. Matthias Grawehr sagt, dass sich der Entwurf bis Ende Oktober in der Vernehmlassung befindet und anschliessend der definitive Entscheid veröffentlicht wird.

Ein Umdenken in Gang

Bereits seit zwei Jahren ist Grawehr mit seinem Unternehmen Essento aktiv, das er mit Christian Bärtsch gegründet hat. Aktuell wird bereits zu viert gearbeitet. Was anfangs ein Projekt für nachhaltiges Fleisch war, ist heute eine Geschäftsidee, die es zu vermarkten gilt. Grawehr ist nach wie vor überzeugt, dass in der Schweiz ein Markt für Insekten besteht. Er sieht gar grosses Potenzial. «Ich habe festgestellt, dass sich in den vergangenen zwei Jahren in Bezug auf das Thema Insekten essen in der Bevölkerung ein starkes Bewusstsein entwickelt hat. Vor allem die Ressourcenschonung erachten viele als wichtig.» Insekten enthalten viel Protein und seien im Geschmack angenehm. «Mehlwürmer schmecken nussig», beschreibt Grawehr das Aroma. Zudem hätten Mehlwürmer kein Schmerzempfinden, behauptet der Mörschwiler, räumt aber gleich ein, dass dies zu wenig erforscht und daher noch nicht bestätigt sei.

Von Ravioli bis Chips

Bis der Beschluss des Bundes kommt, müssen sich der Jungunternehmer und seine Mitwirkenden auf Insektenmahlzeiten im privaten Rahmen beschränken. Aber einfach abwarten, bis voraussichtlich im Sommer 2016 die Insekten auch in der Schweiz kommerziell als Lebensmittel genutzt werden können, kommt für das Team nicht in Frage. Sie tüfteln fleissig weiter und haben bereits verschiedene Produkte hergestellt, wie den oftmals in Medien erwähnten Burger oder Ravioli, Aufstrich und Chips. Im Keller von Christian Bärtsch findet die Aufzucht der Mehlwürmer statt. Mittlerweile umfasse die Farm eine Million Tiere, wie Grawehr sagt. Einen Einblick will er aber nicht geben. Zumindest noch nicht. Das Betriebsgeheimnis soll bewahrt werden und seine Idee soll keine Nachahmer auf den Plan rufen. Ideal also, um sich tagtäglich einen frischen Snack zu zaubern, oder? Matthias Grawehr: «Etwa zweimal pro Woche esse ich Mehlwürmer, aber nicht jeden Tag.»

Matthias Grawehr Jungunternehmer (Bild: Michel Canonica)

Matthias Grawehr Jungunternehmer (Bild: Michel Canonica)