«Massnahmen sind absolut kontraproduktiv»

Daniel Thommen, Verbandspräsident Berufsbildung Schweiz, Sektion St. Gallen/Appenzell, kritisiert die geplanten Sparmassnahmen des Kantons. In den vergangenen Jahren sei schon zu viel gespart worden. Der Kanton habe schliesslich auch eine soziale Verantwortung.

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Herr Thommen, das Amt für Berufsbildung will bei Berufen mit geringer Nachfrage Klassen zusammenlegen und so jährlich 700 000 Franken sparen. Was halten Sie von dieser Massnahme?

Daniel Thommen: Über diese Entwicklung bin ich gar nicht glücklich. Bereits heute versucht der Kanton bei der Zuweisung von Berufen an die verschiedenen Institutionen, Klassen einzusparen. Erhalten die Schulen im Sommer zusätzliche Anmeldungen, müssen die Klassen wieder geteilt werden. Das wird bei den Berechnungen zu wenig berücksichtigt.

Sie halten die Einschätzung des Amts für Berufsbildung also für realitätsfremd?

Thommen: Ich bin nicht dafür, sinnlos Geld für administrative Änderungen zu verschleudern. Möglichst jeder Bildungsfranken gehört ins Schulzimmer. In einzelnen Fällen machen Klassenzusammenlegungen sicher Sinn. Alle Klassen möglichst mit 24 Schülern aufzufüllen, darf niemals das Ziel sein.

Welche Konsequenzen sehen Sie?

Thommen: Die Berufsbildung hatte bereits einige Einsparungen zu verkraften: Die Kürzungen von Fördermassnahmen für schwächere Schüler zum Beispiel. Wird künftig auch noch in grösseren Klassen unterrichtet, bleiben den Lehrern kaum noch Kapazitäten, um den schwächern Schülern gerecht zu werden. Der Kanton hat doch auch eine soziale Verantwortung. Ich halte die geplanten Massnahmen deshalb für absolut kontraproduktiv.

Was wären denn sinnvolle Einsparungen?

Thommen: Die Berufsbildung des Kantons St. Gallen gehört seit 1996 zu den fünf günstigsten Angeboten der Schweiz. Trotzdem leisten die Berufsfachschulen sehr gute Arbeit. Das könnte nun zum Bumerang werden. Nach dem Motto: Wir sind so gut, da können wir doch auch noch ein bisschen mehr sparen. Diesen Reflex halte ich für sehr gefährlich.

Wie nehmen Sie die Stimmung bei den Berufsschullehrern wahr?

Thommen: Noch ist nichts definitiv. Niemand weiss, wie viele Stellen tatsächlich verlorengehen und wer betroffen sein wird. Nicht an allen Schulen wird gleich transparent informiert. Bei vielen Lehrpersonen herrscht deshalb eine gewisse Verunsicherung, Frustration oder, noch schlimmer, Resignation.

Wie werden Sie nun als Verband reagieren?

Thommen: Am 25. Oktober findet unsere Hauptversammlung statt. Dort werden Strategien, mögliche Massnahmen und Reaktionen thematisiert. Wir halten uns alle Möglichkeiten offen. Ob die Organisation einer Kundgebung, das Schreiben von Leserbriefen oder weitere Massnahmen nötig sind, hängt auch mit der Verhandlungsbereitschaft des Bildungsdepartementes sowie des Amtes für Berufsbildung zusammen.

Interview: Sarah Schmalz