Maria Theresia Wilhelm: 1960 verschollen und nie gesucht

MELS. Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland hat anfangs Juli im Amtsblatt einen Verschollenheitsruf für Maria Theresia Wilhelm veröffentlicht, die letztmals 1960 gesehen wurde. Über ihr unglückliches Leben gibt es ein Buch, und es war Vorbild für den Film "Das Deckelbad".

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Filmauschnitt: Das Schicksal von Maria Theresia Wilhelm wurde in "Das Deckelbad" verfilmt. (Bild: Das Deckelbad)

Filmauschnitt: Das Schicksal von Maria Theresia Wilhelm wurde in "Das Deckelbad" verfilmt. (Bild: Das Deckelbad)

"Wer Nachrichten über die Verschollene geben kann, wird ersucht, sich innert der Frist von einem Jahr zu melden", heisst es im Amtsblatt des Kantons St.Gallen vom 6. Juli. Publiziert hat den Verschollenheitsruf das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland. Gesucht wird Maria Theresia Wilhelm, Jahrgang 1911. Sie wäre heute 104 Jahre alt.

Die verschwundene Frau ist inzwischen zu so etwas wie einer Person der Zeitgeschichte geworden. Über ihr unglückliches Leben hat der Autor und "WoZ"-Redaktor Stefan Keller 1991 ein Buch mit detaillierten Recherchen veröffentlicht: "Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden".

Verfilmt in "Das Deckelbad"
An ihre Geschichte lehnt sich auch die Handlung des Spielfilms "Das Deckelbad" des Werdenberger Regisseurs Kuno Bont an. Das Drama wurde an den diesjährigen Solothurner Filmtagen gezeigt und lief danach in verschiedenen Schweizer Kinos.

In Kellers Buch − und in Bonts Film − wird geschildert, wie die lebenslustige Frau aus Vorarlberg nach einer Affäre mit dem Grabser Wildhüter Ulrich Gantenbein von der Obrigkeit drangsaliert und wie ihre Persönlichkeit in der Heil− und Pflegeanstalt St. Pirminsberg durch Elektroschocks und Deckelbäder systematisch gebrochen wurde. Ihre Kinder wurden ihr weggenommen und als Pflege− oder Verdingkinder versorgt.

Spurlos verschwunden
Am 20. Juli 1960 sei Maria Theresia Wilhelm von Grabs aufgebrochen, um in Buchs Schuhe zu kaufen, heisst es im Buch von Stefan Keller. Und: Es sei ein kalter Sommer gewesen, wahrscheinlich habe es geregnet. Seit jenem Tag gibt es von der damals 49-jährigen Frau keine Spur mehr. Allerdings hatten die Behörden auch keinerlei Anstrengungen unternommen, sie zu finden.

Dies soll nun ein halbes Jahrhundert später, zumindest via Amtsblatt, nachgeholt werden. Hinter dem Verschollenheitsruf des Kreisgerichts steht Christina Giovanoli, die Tochter von Maria Theresia Wilhelm, die das Verfahren zusammen mit ihren Brüdern lanciert hat.

Versuch eines Schlussstrichs
Einerseits könne so zumindest ein gesetzlicher Schlussstrich gezogen werden, erklärte sie. Dies sei nämlich nie geschehen. Andererseits sei der Aufruf auch so etwas wie ein weiterer Anlauf, vielleicht doch noch neue Informationen über das Schicksal ihrer Mutter zu erhalten.

Christina Giovanoli war beim Verschwinden von Maria Theresia Wilhelm dreizehnjährig und hat immer wieder versucht, das Rätsel zu lösen. Oft sei sie dabei gegen Mauern angelaufen, schilderte sie.

Im Zusammenhang mit der schweizweiten Aufarbeitung der Schicksale von Verdingkindern und administrativ Versorgten konnte sie in den letzten Monaten Einblick in Akten nehmen, die ihre Eltern und sie selber betreffen. Sie habe darin keinen einzigen Hinweis gefunden, dass je nach ihrer Mutter gesucht wurde. "Ein Mensch verschwindet − und niemand sucht nach ihm", stellte sie fest. (sda)