«Man, you're part of history!»

Vor 45 Jahren ging das legendäre Woodstock-Festival, das Highlight der Hippiezeit, über die Bühne. Der St. Galler Landschaftsarchitekt Tobias Pauli war an der Mutter aller Festivals dabei. Er erinnert sich an jene Zeit.

Ralph Hug
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Tobias Pauli lässt in seinem Büro alte Zeiten aufleben. «Dieses Gemeinschaftsgefühl war einzigartig.» (Bild: Ralph Ribi)

Tobias Pauli lässt in seinem Büro alte Zeiten aufleben. «Dieses Gemeinschaftsgefühl war einzigartig.» (Bild: Ralph Ribi)

Tobias Pauli ist heute 71 Jahre alt und hat weisse Haare. Doch der St. Galler vermag sich noch gut an die Ereignisse vor genau 45 Jahren zu erinnern. Damals, am 15. August 1969, traf sich auf einer grossen Farm in Bethel nahe New York rund eine halbe Million Menschen. Sie feierten das Woodstock-Festival, das zum Symbol für die Kulturrevolution der 68er-Generation wurde. Von Joan Baez und Jimi Hendrix über Joe Cocker und Canned Heat bis zu Janis Joplin und Crosby, Stills, Nash and Young – viele Künstler waren dabei, und sie alle schrieben Musikgeschichte.

Tickets für Woodstock

Wie kam Tobias Pauli nach Woodstock? «Ich arbeitete damals in Toronto als Landschaftsarchitekt», erzählt er. Da forderten ihn Arbeitskollegen auf mitzukommen: Sie hätten Tickets für Woodstock. Am Freitag morgen fuhren sie mit dem Auto Richtung New York los. Schon bald meldete das Radio Verkehrsprobleme: Staus und Überlastung. Weil sie aber von Norden kamen, hatten sie Glück. Die Zufahrtsstrassen waren weniger verstopft als jene von Süden her. «Trotzdem mussten wir vom Parkplatz noch drei Stunden bis zum Festivalgelände laufen», so Pauli.

Und was sah er dort? «Massenhaft Leute», erinnert er sich. Das Festivalgelände befand sich in einer natürlichen Arena, «ideal für einen solchen Anlass.» Sehr nahe an die Bühne kam er freilich nicht. «Es waren etwa dreihundert Meter Distanz.» Und viel war auch nicht zu sehen. Die Bühne war klein und Leinwände gab es keine. Doch das Equipment war gut und der Sound aus den Marshall-Boxen weitherum zu hören. «Auch wenn die Roadies die Lautsprechertürme immer wieder mit Seilen befestigen mussten, weil sie umzustürzen drohten.

Joe Cockers Bühnenpräsenz

Pauli und seine Kollegen blieben drei Tage und hörten die meisten Bands, die auftraten. Am meisten beeindruckten ihn Richie Havens und Joan Baez, dann Jimi Hendrix, der mit seiner Gitarre die US-Hymne zerfetzte, sowie Joe Cocker. «Cockers Bühnenpräsenz war enorm, er fand den Draht zum Publikum und wollte am Schluss gar nicht mehr von der Bühne», schildert Pauli den Auftritt des Sängers mit der rauhen Stimme, der noch heute durch die Welt tourt. Letztlich aber stand weniger die Musik als das kollektive Erlebnis im Vordergrund. Es war der Auftritt einer neuen Generation, die aufbrechen wollte und den Traum einer anderen, freieren Gesellschaft hatte. «Dieses Gemeinschaftsgefühl war einzigartig und prägte das Festival von A bis Z», sagt Pauli.

Das verbindende Element der Festivalbesucher war die Opposition gegen den Vietnam-Krieg und der Ruf nach «Peace and Love». Woodstock habe allen das Gefühl vermittelt, etwas erreichen und die Welt verändern zu können, so Pauli. Diese einzigartige Stimmung trägt er noch heute in sich. Er spürt sie aufsteigen, je mehr er über seine Erinnerungen spricht. «Woodstock war ein Ort, der die Hoffnung auf ein besseres Zusammenleben auf einmal konkret und real werden liess», sagt er.

Solidarität im grossen Stil

Dies obwohl das Festival eigentlich chaotisch verlief. Die Veranstalter hatten niemals so viele Besucher erwartet und waren überfordert. Die Infrastruktur reichte hinten und vorne nicht aus, überall fehlte es an allem. «Eigentlich war dieses Open Air eine einzige grosse Notlage. Doch gerade sie schweisste die Leute solidarisch zusammen, und das sorgte dafür, dass die drei Tage absolut friedlich verliefen.» Man habe sich alles geteilt, Essen, Zelt, Getränke und natürlich auch die Joints, von denen es zeitweise mehr gegeben habe als Zigaretten, wie Pauli schmunzelt. Woodstock hat für ihn gezeigt, dass Selbstorganisation, Freiheit und Solidarität auch im grossen Stil möglich ist.

Ein neues Lebensgefühl

Mit heutigen Festivals sei Woodstock gar nicht zu vergleichen, findet er. «Heute stehen Fun, Gaudi, Sex und Musik im Vordergrund, und der Konsum ist allgegenwärtig.» Was ihn im Rückblick an Woodstock auch fasziniert, ist die Unbekümmertheit, mit der die damalige Generation ans Werk ging und etwas Grosses schuf, das niemand für möglich gehalten hätte. Woodstock war die Kulmination eines neuen Lebensgefühls und damit ein kultureller Wendepunkt mit globaler Ausstrahlung. War sich Pauli bewusst, an einem historischen Ereignis teilzuhaben? «Nein. Die wirkliche Bedeutung dieses Ereignisses kristallisierte sich erst später heraus.» Damit ein solch singuläres Ereignis entstehen könne, müssten verschiedene Momente zusammenkommen, und auch die Konstellation müsse stimmen.

Treffen mit Jonny Cash

Die drei Wochenendausflügler kamen mit einiger Verspätung wohlbehalten nach Hause. Pauli blieb noch anderthalb Jahre in Amerika. Mit einer weiteren überraschenden Erinnerung: An einer Party in Calgary im Herbst des gleichen Jahres sah er sich plötzlich Johnny Cash gegenüber. Der Gastgeber war mit der Entourage des Country-Stars befreundet, und der Sänger hatte gerade ein Konzert in der Stadt gegeben. Für Pauli auch ein historisches Ereignis, denn so nah war er als 28-Jähriger einem Promi noch nie gewesen.

Später erntete er in einer Freundesrunde ehrfürchtiges Schweigen, als er von seinem Woodstock-Erlebnis erzählte. Einer soll ihm auf die Schulter geklopft haben: «Man, you're part of history!»