«Mama Africa» am Scheideweg

Der Kaffeetreff für Asylbewerber in Altstätten mit dem klingenden Namen ist wichtig – doch er polarisiert. Dabei könnte der Hort der Gastlichkeit Reibungspunkte in der Stadt mindern. Und somit wohl auch Kosten senken.

Reinhold Meier
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Ein Stück Heimat: Josef Zünd und sein Team bieten Flüchtlingen Gastfreundschaft und einen 20-Minuten-Internet-Kontakt nach Hause. (Bild: Reinhold Meier)

Ein Stück Heimat: Josef Zünd und sein Team bieten Flüchtlingen Gastfreundschaft und einen 20-Minuten-Internet-Kontakt nach Hause. (Bild: Reinhold Meier)

ALTSTÄTTEN. Ende Monat stellen Josef Zünd und sein 20köpfiges Freiwilligenteam einen Rekord auf. «Wir erwarten den 50 000. Besucher», kündigt der Café-Chef an. Seit zehn Jahren setzt er sich für Asylbewerber aus dem nahen Empfangszentrum des Bundes (EVZ) ein. Auf Rekorde steht er nicht. Eine Anfrage des Fernsehens, das ihn als «Alltagshelden» ehren wollte, hat er rundweg abgelehnt.

An drei Nachmittagen pro Woche ist «Mama Africa» jeweils vier Stunden geöffnet. Drei schlichte Räume bei der Brocki am Bahnhof laden ein – zum Spielen, Malen, Mailen und Kaffeeplausch. 50 bis 90 Personen aus aller Herren Länder kommen pro Nachmittag. An manchen Tagen ist das die Hälfte der 170 Bewohner des EVZ. Neben Zünd sind meist noch zwei, drei Mitarbeitende da, als Gesprächspartner, Helfer und für die PCs.

«Nur beim Internetzugang müssen wir Regeln setzen», erzählt Zünd. Logisch, bei nur vier PCs – da kommt Chef Georg Küng zur Türe herein und hebt eine Tafel mit Zahlen hoch: 33, 34, 35, 36. Wechsel am Computer: Die vier Nächsten dürften rein – für 20 Minuten.

«Holen Leute von der Strasse»

Im Treff läuft es rund, seit Jahren. Dafür lösen externe Feedbacks manchmal Stress aus. «Ich wurde schon bedroht», erzählt Betreuerin Anita G., die ihren Namen nicht preisgeben will. Auch beleidigt habe man sie: «Ich sei ein Dötschli.» Anonyme Briefe gingen bei ihr und anderen ein, sobald sie sich für die Asylbewerber einsetzten. Etwa bei der Diskussion um den geplanten neuen Standort des EVZ ausserhalb der Stadt. Es seien Sätze gefallen wie: «Da, zwischen Schiessstand und Gefängnis wärt ihr goldrichtig.»

«Dabei holen wir die Leute von der Strasse», sagt Zünd, das müsste doch im Sinn der Kritiker sein. Diese regen sich auf, weil Asylbewerber angeblich herumlungern. Dabei hätten sie schlicht keine Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun, sagt Zünd. Und wenn man sie in den Kaffeetreff einlade, um ein wenig christliche Gastfreundschaft zu üben, sei das wieder nicht recht, wundert er sich. Dabei koste die Sache die Stadt nicht mal was.

50 Rappen pro Kopf

Reformierte Pfarrer und Diakone aus der Region hatten die Initiative angestossen. Ein kirchlich geprägter Trägerkreis kümmert sich um die Finanzen. Der Kaffeetreff kostet jährlich 12 000 Franken, die Miete macht die Hälfte aus. Das macht 1000 Franken im Monat und somit kaum 50 Rappen pro Kopf. Die Kantonalkirche ist mit einer Seelsorgerin drei Halbtage vor Ort präsent. Es sei trotzdem nicht immer einfach, die wenigen Mittel zusammenzubekommen, sagt Zünd. Hauptsächlich hülfen reformierte Kirchgemeinden, auch einige katholische und die Kantonalkirche. Ein Antrag an die Stadt Altstätten war 2009 abgelehnt worden.

Heute sieht das die Stadt differenzierter. «Der Kaffeetreff ist ein gutes Projekt», sagt Roman Zimmermann. Der Bereichsleiter Soziales hat sich vor Ort selbst einen Eindruck verschafft und findet: «Die Asylbewerber brauchen so einen Ort für soziale Kontakte.»

Für «Mama Africa» könnte die Unterstützung der Stadt einen Professionalisierungsschub bedeuten, wie er beim EVZ Kreuzlingen schon vollzogen ist. Hier ist Dominique Knüsel mit einem Teilpensum für die Leitung eines solchen Treffs angestellt. Er ist an fünf Nachmittagen geöffnet. In Altstätten würde schon ein vierter Nachmittag etwas bringen. Das findet auch EVZ-Leiter Christoph Studer. «Bei uns fehlen Rückzugsmöglichkeiten und Internetzugang, beides kann der Kaffeetreff bieten», hält er fest.

«Die meisten Asylsuchenden haben nichts, wenn sie bei uns sind. Sie müssen in relativ engen Verhältnissen leben.» Oft sei das noch mit negativen Assoziationen verbunden wie einem negativem oder einem Nichteintretensentscheid. Der Kaffeetreff sei da ein wichtiges Element, um menschliche Grundbedürfnisse im weiteren Sinn zu stillen.