Männer behalten die Macht

Der Frauenanteil in den St. Galler Stadtparlamenten ist mit den Wahlen vom Wochenende leicht angestiegen. Trotzdem: Die Erfolgsaussichten auf einen Parlamentssitz sind für Frauen schlechter als für Männer.

Sebastian Schneider
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Im Gossauer Parlament hat sich bezüglich Frauenanteil nichts geändert – 25 von 30 Mitgliedern sind Männer. (Archivbild: Ralph Ribi)

Im Gossauer Parlament hat sich bezüglich Frauenanteil nichts geändert – 25 von 30 Mitgliedern sind Männer. (Archivbild: Ralph Ribi)

In den Parlamenten der drei Städte St. Gallen, Wil und Gossau wurden 138 Sitze neu besetzt. 37 Frauen wurden für die nächste Legislatur gewählt. Das entspricht einem Anteil von 26,8 Prozent und einer Steigerung gegenüber der heutigen Situation von 2,6 Prozent. Der durchschnittliche Anteil in Schweizer Parlamenten beträgt 32,2 Prozent (Schweizerischer Städteverbund, 2010).

Frauen stehen hinten an

Potenzial für eine Erhöhung des Frauenanteils ist vorhanden, haben sich doch 199 Frauen für die 138 Sitze beworben. Doch nur 18,6 Prozent der Kandidatinnen haben einen Sitz erobert. Bei den Männern liegt die Erfolgsquote bei 29,4 Prozent; 344 haben sich für einen Sitz interessiert. Wäre die Erfolgsquote beider Geschlechter gleich, müsste der Frauenanteil in den drei Parlamenten bei 36,6 Prozent liegen, was 51 Sitzen entspräche. Letzten Sonntag sah es aber anders aus: Pro Sitz haben sich 5,4 Frauen und nur 3,4 Männer beworben.

Viele linke Frauen

Politikwissenschafterin Michelle Beyeler von der Universität Bern ortet den Grund für die unterschiedlich grossen Erfolgsquoten in der ungleichen Verteilung der Kandidatinnen: «Frauen, die politisch aktiv sein wollen, lassen sich meistens auf Listen der linken Parteien setzen», sagt Beyeler. Tatsächlich finden sich auf den Listen von Sozialdemokraten, Grünen und Politischer Frauengruppe (PFG) 135 der insgesamt 199 Kandidatinnen. «Da die drei Städte bürgerlich dominiert sind und die meisten Frauen auf linken Listen stehen, ist auch der Frauenanteil entsprechend tiefer», sagt Beyeler.

Die Ergebnisse in den drei Städten widerspiegeln diese Aussage: St. Gallen hat einen Frauenanteil von 33,3 Prozent und 39,7 Prozent linke Politiker. In Wil ist die Frauenquote bei 24,4 Prozent, der Anteil linker Politiker bei 28,9 Prozent. Der Frauenanteil in Gossau liegt bei 16,6 Prozent, 10 Prozent der Parlamentarier gehören dem linken Spektrum an.

Gute bürgerliche Erfolgsquote

Die Erfolgsquote linker Frauen über alle drei Parlamente gesehen war tief: 13,3 Prozent (ohne PFG 16,4). Die Erfolgsquote der 103 männlichen linken Kandidaten liegt mit 21,4 Prozent deutlich höher als bei den Frauen.

Bei den übrigen Parteien, hier als bürgerliche zusammengefasst, war die Erfolgschance für Frauen besser: 29,7 Prozent der Kandidatinnen schafften den Einzug in eines der drei Parlamente. 32,8 Prozent waren bei den Männern erfolgreich. Die gute Erfolgsquote bei den bürgerlichen Frauen zeigt laut Beyeler, dass es auch im Mitte-Rechts-Lager «gute Frauen» gäbe. «Wenn die bürgerlichen Parteien mehr wählbare Kandidatinnen aufbauen würden, könnte der Frauenanteil in den Parlamenten rasch erhöht werden», ist Beyeler überzeugt.

Sechs reine Männerlisten

Die Liste der politischen Frauengruppe war unter den 35 eingereichten Listen in St. Gallen, Wil und Gossau die einzige reine Frauenliste. Wohl unverhofft gab es dagegen sechs reine Männerlisten. Fünf sind von Kleinstparteien, wie die Piratenpartei (Gossau und St. Gallen), SD, BDP und UVP (St. Gallen). Die sechste hatte die FDP Wil-Bronschhofen für den Wahlkreis Wil abgegeben; 17 Kandidaten fanden sich darauf. Wie kommt das? «Wir waren mit potenziellen Kandidatinnen im Gespräch. Sie sagten aus unterschiedlichen Gründen ab», erklärt Jigme Shitsetsang, Präsident der FDP Wil-Bronschhofen. Natürlich sei es sein Wunsch gewesen, auch Frauen für die Wahlen aufstellen zu können. Shitsetsang wird sich weiter um Kandidatinnen bemühen. Was er sicher nicht will: «Wir werden keine Quoten einführen.»

Bisherige schneiden gut ab

Unter den Kandidierenden waren auch 115 bisherige Parlamentarier – 24 Frauen und 91 Männer. Eine Parlamentarierin wurde abgewählt. Bei den Männern verpassten fünf die Wiederwahl. Die Erfolgsquote der Bisherigen liegt bei den Frauen bei 95,8 Prozent, bei den Männern bei 94,5.

Jedes dritte Mitglied im St. Galler Stadtparlament ist in der Legislatur 2012 bis 2016 eine Frau. (Archivbild: Ralph Ribi)

Jedes dritte Mitglied im St. Galler Stadtparlament ist in der Legislatur 2012 bis 2016 eine Frau. (Archivbild: Ralph Ribi)