Luftschloss mit gutem Kaffee

Seit einem halben Jahr gibt es im Linsebüel das Kaffeehaus. Das Lokal im Stil der Wiener Kaffeehäuser möchte zum Bleiben einladen. Mit Kaffeespezialitäten, Brettspielen und Nähateliers.

Tobias Hänni
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Wider die Schnelllebigkeit: Annarägi Bodmer (links) und Yvonne Scarabello kreieren jeweils am Mittwochnachmittag Kleider im Kaffeehaus. (Bild: Michel Canonica)

Wider die Schnelllebigkeit: Annarägi Bodmer (links) und Yvonne Scarabello kreieren jeweils am Mittwochnachmittag Kleider im Kaffeehaus. (Bild: Michel Canonica)

Gallus Hufenus kann viele Geschichten erzählen. Von der verschleierten Frau, die eines Tages im Lokal aufgetaucht ist und später für einen marokkanischen Abend eine Suppe gekocht hat. Von einem ehemaligen Präsidenten der Jung-SVP Schweiz, den er in Kuba getroffen hat und der im Kaffeehaus nun einen Vortrag über sein dortiges Kinderhilfswerk halten wird. Oder von der kubanischen Band, welche die Konzertkollekte vom Kaffeehaus nun dafür verwendet, für ihren nächsten Auftritt in St. Gallen ihrem ehemaligen Musiklehrer das Flugticket zu bezahlen.

Grossstadt-Feeling im Linsebüel

Seit letztem August betreibt Hufenus das Kaffeehaus an der Linsebühlstrasse 77. Und seine Idee eines «städtischen Kultur-Sandkastens» scheint zu funktionieren. «Es läuft so, wie ich mir das vorgestellt habe», zieht der geschäftige 30-Jährige Bilanz, während er an der italienischen Kaffeemaschine hantiert. «Das Kaffeehaus ist ein Ort, wo Geschichten entstehen und sich Menschen vernetzen.» Viele Bekannte seien zunächst skeptisch gewesen, ob das Konzept in St. Gallen Anklang finden würde, erzählt Hufenus den Anfang seiner Gastrogeschichte. Denn das klassische Kaffeehaus finde man sonst in den Grossstädten Europas und Lateinamerikas. Die Idee, auch in St. Gallen ein Kaffeehaus zu eröffnen, habe er aus Buenos Aires zurückgebracht. Dort seien die Lokale politische Institutionen.

Der «politisch-kulturelle Treffpunkt» scheint auch in der Gallusstadt ein Publikum zu haben. Und dieses ist bunt gemischt. «Es kommen Kulturschaffende vom Theater, Mütter aus dem Quartier oder Freischaffende, die hier arbeiten», sagt Hufenus. Und an Konzertabenden oder Vorträgen verwandle sich das Kaffee- in ein Bienenhaus.

Drei Stunden, ein Kaffee

Dass das Lokal im Linsebüel nicht am Weg der innerstädtischen Laufkundschaft liegt, stört Hufenus nicht. «Mein Konzept würde im Zentrum gar nicht funktionieren.» Die Mieten seien dort derart hoch, dass man viel Umsatz generieren müsse, um zu überleben. Er sei kein Gastronom und das Kaffeehaus kein gewöhnliches Café, betont Hufenus. «Bei mir bleiben die Leute drei Stunden sitzen und trinken in dieser Zeit einen einzigen Kaffee.»

Sinnlich statt schnelllebig

Denn das Kaffeehaus lädt zum Verweilen ein. Beim Eingang stapeln sich Gewürzdosen, an denen sich ausgiebig schnuppern lässt. In Regalen an den Wänden stehen zahllose Bücher und Fotobände, mit denen man problemlos einen ganzen Morgen durchblättern kann. Hunderte Hörbücher und Dutzende Brettspiele. Und Veranstaltungen wie das Nähatelier, bei dem zwei Schneiderinnen beim Nähen ihrer Kleider zugeschaut werden kann.

«Mir geht es um Handwerk und um Sinnlichkeit», sagt Hufenus. Um Authentizität statt Schnelllebigkeit. Diesen Ansatz verfolgt Hufenus auch bei der Zubereitung der türkischen, österreichischen oder spanischen Kaffeespezialitäten. Die Bohnen werden frisch gemahlen, die Milch dampferhitzt. Und die Zubereitung des Kaffees ist eine Wissenschaft für sich. «Je nach Wetter müssen die Mahlwerke anders eingestellt sein», erklärt Hufenus. Der Aufwand scheint sich zu lohnen. «Für das Kaffeehaus kommen Leute aus Zürich oder Basel nach St. Gallen.»