LUFTBILDER: Die Stadt St. Gallen von oben

Zu den Spezialitäten des Fotohauses Gross gehörte das Fotografieren aus der Luft. Rund 700 der seit den 1930er-Jahren entstandenen Bilder befinden sich im Fundus der Stadtarchive. Sie zeigen die Entwicklung St. Gallens aus einer speziellen Perspektive.

Thomas Ryser
Drucken
Teilen
Die Lachen 1937. Links vorne ist der Burgweier zu erkennen. Darüber das Schulhaus Schönenwegen und davor führt die Zürcher Strasse stadteinwärts. Auffällig ist rechts im Vordergrund die noch fehlende Überbauung im Gebiet zwischen Burg-, Schiller-, Turner- und Salisstrasse. Links hinten auf der grünen Wiese die Altersheime im Sömmerli, rechts davon im Feldli und im Rosenfeld grosse Schrebergartenareale. Am Rand des Quartiers ist im Sömmerli zudem der «Gallemescht» zu erkennen, die bis 1967 genutzte städtische Kehrichtdeponie.

Die Lachen 1937. Links vorne ist der Burgweier zu erkennen. Darüber das Schulhaus Schönenwegen und davor führt die Zürcher Strasse stadteinwärts. Auffällig ist rechts im Vordergrund die noch fehlende Überbauung im Gebiet zwischen Burg-, Schiller-, Turner- und Salisstrasse. Links hinten auf der grünen Wiese die Altersheime im Sömmerli, rechts davon im Feldli und im Rosenfeld grosse Schrebergartenareale. Am Rand des Quartiers ist im Sömmerli zudem der «Gallemescht» zu erkennen, die bis 1967 genutzte städtische Kehrichtdeponie.

Thomas Ryser

stadtredaktion@tagblatt.ch

Der Traum vom Fliegen ist schon sehr alt. Dädalus und Ikarus träumten ihn in der Antike, Leonardo Da Vinci zerbrach sich darüber im 15. Jahrhundert den Kopf. Viele andere experimentierten ­danach mit Ballonen, Gleitern und ­Drachen. Viele fanden dabei den Tod. Der erste gesteuerte Motorflug gelang schliesslich den Gebrüdern Wright 1903 in den USA. Ab 1909 fanden in der Schweiz Schauflugveranstaltungen statt. Im Rahmen einer solchen glückte dem Stadtsanktgaller Henri Kunkler 1913 als erstem der motorisierte Überflug über die ganze Stadt St. Gallen.

Fotografieren und Fliegen: Zwei Träume kommen zusammen

1839 wurde in Paris erstmals ein fotografisches Verfahren der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. 16 Jahre später entstanden die ersten Fotoaufnahmen aus einem Ballon. In der Schweiz gehörten gleich zwei St. Galler – der Ballonfahrer Eduard Spelterini (1852–1931) und der Flieger Walter Mittelholzer (1894–1937) – zu den wichtigen Pionieren der Luftbildfotografie. Von oben fotografiert wurde zuerst vor allem für militärische Zwecke. Eine der ersten militärischen Aufgaben von Motorflugzeugen war denn auch die Aufklärung. Dieser ­Bereich der Fliegerei erhielt durch den Ersten Weltkrieg viele Impulse und einen grossen technischen Entwicklungsschub. In der Zwischenkriegszeit wurden im Bereich der Luftfotografie weitere technische Durchbrüche erzielt. Die Qualität von Luftbildern nahm sprunghaft zu. Das führte dazu, dass dieser Zweig der Fliegerei weiter an Bedeutung gewann, auch für die Kartographie.

Die Flugaufnahmen von Foto Gross

Die frühsten Flugaufnahmen von Foto Gross sind auf Anfang der 1930er-Jahre zu datieren. Regelmässig geflogen wurde aber erst ab 1937. Gemäss Aufnahmeverzeichnis sass in jenem Jahr Hans Gross (1911–1989) rund elf Stunden mit einem Piloten an Bord eines Doppel­deckers vom Typ Bücker Jungmann und schoss insgesamt 246 Bilder. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Fotografieren aus der Luft zu einer Spezialität von Foto Gross. Alles in allem gehö­ren zum Gross’schen Archiv mehr als 7300 Flugaufnahmen. Davon finden sich rund 700 Bilder mit Motiven aus St. Gallen in den Beständen der Stadtarchive.

Während der Zeit, in der Foto Gross Flugaufnahmen anfertige, wandelte sich vieles: Neben dem Fluggerät – vom Doppeldecker zum Eindecker und zum Helikopter – entwickelte sich auch die Fototechnik. Entsprechend benutzte Foto Gross für frühe Flugaufnahmen schwerfällige Kameras mit grossformatigen Glasnegativen. Dies übrigens analog zum Militär. Später wurde auch Schwarzweiss- und schliesslich Farbfilmmaterial eingesetzt.

Technische Fortschritte machten das Erstellen von Flugaufnahmen allerdings nicht wirklich zu einem einfachen Unterfangen: Zur Fluggeschwindigkeit, die bei zu langer Verschlusszeit unscharfe Bilder verursacht, kommen das ständige Vibrieren durch den Motor und atmosphärische Turbulenzen. Für gute Bilder zentral sind auch die Wetterbedingungen und die Aufnahmezeit. Lange Schatten durch unpassenden Sonnenstand beispielsweise waren störend. Trotz dieser Widrigkeiten gelangen Foto Gross gestochen scharfe Flugaufnahmen. Sie belegen in einmaliger Weise den manchmal beschaulichen, manchmal rasanten Wandel der Gallusstadt in den letzten achtzig Jahren.

Thomas Ryser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stadtarchiv der Orts­bürgergemeinde St. Gallen.

Das Luftschiff LZ 127, Graf Zeppelin, schwebt 1937 über der Kulisse der Kreuzbleiche, des Güterbahnhofs, von St. Leonhard und der Lokremise mit ihren zwei Schornsteinen.

Das Luftschiff LZ 127, Graf Zeppelin, schwebt 1937 über der Kulisse der Kreuzbleiche, des Güterbahnhofs, von St. Leonhard und der Lokremise mit ihren zwei Schornsteinen.

Die Kreuzbleiche als Parkplatz fürs Kantonsjubiläum 1953. Oben zwischen Militärkantine und Reithalle die Kaserne und das alte Zeughausmagazin. Sie standen bis 1981.

Die Kreuzbleiche als Parkplatz fürs Kantonsjubiläum 1953. Oben zwischen Militärkantine und Reithalle die Kaserne und das alte Zeughausmagazin. Sie standen bis 1981.

Beide Hände waren 1938 nötig, um die schwere Grossformat-Flugbildkamera zu halten. Nur wer über viel Erfahrung verfügte, konnte damit gute Aufnahmen machen.

Beide Hände waren 1938 nötig, um die schwere Grossformat-Flugbildkamera zu halten. Nur wer über viel Erfahrung verfügte, konnte damit gute Aufnahmen machen.

Der Botanische Garten 1958. Wegen des Baus des Historischen und Völkerkunde­museums musste er 1914/15 hier im Stephanshorn neu angelegt werden.

Der Botanische Garten 1958. Wegen des Baus des Historischen und Völkerkunde­museums musste er 1914/15 hier im Stephanshorn neu angelegt werden.