Ludwig van Beethoven am Apparat

Hörprobe

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Sie alle haben eine Leitungsfunktion inne, die Gemeindepräsidenten in der Region. Ob sie eine lange oder eine kurze Leitung haben, diese Frage soll an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Auch nicht, ob sie hin und wieder auf der Leitung stehen. Dennoch soll es im Folgenden um Leitungen gehen. Genauer: um Telefonleitungen. Denn wer die Gemeindepräsidenten erreichen will, muss oft genug Schlange stehen, zumindest virtuell. Der Anrufer wird auf eine Karrusselfahrt in die Warteschlaufe geschickt, bis das Gemeindeoberhaupt ein offenes Ohr für ihn findet.

Ob Gemeindeschreiber, Sekretär oder Gemeindepräsident, sie alle sind es sich gewohnt, Fragen wortgewandt zu beantworten. Sprachlos sind sie allerdings, wenn man sie nach der Musik in ihrer Warteschleife fragt. Dann bleibt es in der Leitung plötzlich still. «Da bin ich überfragt», lautet die häufigste Antwort nach der Bedenkpause. Sich selber angerufen, das hätten sie schliesslich noch nie.

In der Stille verbringen auch Gossauerinnen und Gossauer die Wartezeit, wenn sie sich an die Stadtverwaltung wenden. Die Entschuldigung liegt auf der Hand: «Bei uns werden sie schnell weiterverbunden», heisst es. Die Rädchen in der Gossauer Verwaltung drehen so schnell, da lohnt sich kein musikalisches Intermezzo. Dennoch könnte man von einer Stadt, in der mit Stadtpräsident Alex Brühwiler ein versierter Sänger den Takt angibt, etwas mehr musikalische Hingabe erwarten.

Auch Gaiserwald hat die akustische Visitenkarte auf die lange Leitung, äh, Bank geschoben. Während sich der Gossauer in Totenstille auf das kommende Gespräch vorbereiten kann, erklingt im Nachbarort ein nervöses Tuten in der Ohrmuschel, bevor Gemeindepräsident Boris Tschirky in markiger Rheintaler Mundart in den Hörer poltert. Dabei könnte Gaiserwald auf ein reiches Repertoire zurückgreifen, hat sich mit Florian Ast doch kürzlich einer der bekanntesten Musiker des Landes in Abtwil niedergelassen. Mit seinem Hit «Träne» könnten sich bestimmt viele Anrufer identifizieren, wenn es heisst: «Ghörsch du nid, was i z säge ha?»

St. Gallen, Häggenschwil und Waldkirch muten ihren Anrufern derweil die Standardmusik ihres Telefonsystems zu. Die Firma Skype hat für ihre Kunden eine Tonfolge entwickelt, in der eine synthetische Xylofonmelodie monoton dahinplätschert. Auch die Gemeinde Mörschwil setzt auf beruhigende Töne. Unter sphärischen Gitarrenklängen begleitet von Streichmusik wähnt sich der Anrufer auf dem Massagetisch. Ob die Musik Mörschwiler Wutbürger beruhigen soll, bevor sie ihren Unmut am Steueramt auslassen?

Ein Statement gegen diese lieblosen Melodien setzt die Gemeinde Muolen mit einer Portion Funk. «Statement» heisst denn auch das Werk des norwegischen Musikers Bjørn Lynne, das in der Warteschleife ertönt. Bernhard Keller ist wohl auch der einzige Gemeindepräsident der Region, der sich selbst in die eigene Warteschlaufe durchstellen liess. Dies, weil er von Anrufern wiederholt auf die «rassige» und «fetzige» Musik angesprochen wurde, mit deren Wahl er aber nichts zu tun hatte, wie er auf telefonische Anfrage sagt.

Auch Eggersriet möchte sich von anderen Gemeinden abheben: Dort soll bald das «Eggersrieter Lied» erklingen. Ein Lied, das früher in der Schule gelernt wurde, nun aber in Vergessenheit zu geraten droht, wie Gemeindepräsident Roger Hochreutener sagt. Er möchte das lokale Erbe per Telefon erhalten. «Und alteingesessene Eggersrieter können sogleich mitsingen», sagt er. Noch fehlt einzig der Urheberrechts-Vertrag mit dem Komponisten.

Nicht auf eine lokale Musikgrösse setzt die Gemeinde Wittenbach, sondern mit Ludwig van Beethoven gleich auf einen Grossmeister der Klassik und Klassiker der Wartemusik schlechthin. Bei einem Anruf an Gemeindepräsident Fredi Widmer klimpert ein blechernes «Für Elise» im Ohr. Das Stück scheppert im Fortissimo durch die Leitung und erinnert alle Wittenbacher mit einschlägiger Erfahrung an qualvolle Klavierstunden. Immerhin können sich jene zwei Elises und rund 30 Elisabeths, die laut Telefonbuch in Wittenbach heimisch sind, gleich persönlich angesprochen fühlen. Dass sein populärstes Klavierstück heute ausgerechnet Wartezeiten überbrückt, das muss Beethoven selbst zum Glück nicht mehr erleben. Schliesslich stammt von ihm der Satz: «Der Mensch besitzt nichts Edleres und Kosbareres als die Zeit.» (nh)