LÖWENPÄRCHEN VERZÜCKT ST.GALLER BEVÖLKERUNG: Zwei Raubkatzen zum Verlieben

Zum 150-Jahr-Jubiläum bekam der Kanton 1953 von Exil-St.-Gallern ein Löwenpärchen geschenkt. Die putzigen Tiere begeisterten die Bevölkerung – und beflügelten den Traum von einem St. Galler Zoo.

Beda Hanimann
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Von Gallus und Pretoria wurden sogar Postkarten hergestellt. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)

Von Gallus und Pretoria wurden sogar Postkarten hergestellt. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Der «Tagblatt»-Redaktor liess seiner Begeisterung freien Lauf. Unter dem Titel «Mister Gallus und Lady Pretoria» hiess er in der Ausgabe vom 8. August 1953 zwei Junglöwen willkommen, die tags darauf am Flughafen Kloten erwartet wurden. Ein Geschenk an den Kanton St. Gallen, der sich gerade anschickte, seinen 150. Geburtstag zu feiern.

Der Redaktor malte sich deshalb in seiner pfiffigen Löwen-Glosse schon mal aus, wie das adaptierte Kantonswappen aussehen werde: in der Mitte das Stäbebündel, flankiert von zwei Löwen in Silber und Gold. Aus der Revision des St. Galler Wappens wurde natürlich nichts, wie wir wissen. Und auch sonst entwickelte sich diese tierische Sommergeschichte nicht ganz so, wie man es sich da und dort gewünscht hatte.

Wermutstropfen im Begrüssungspokal

Am Anfang standen einige St. Galler Geschäftsleute, die in der damaligen Südafrikanischen Union und in Rhodesien lebten, unter ihnen Max Kirchhofer aus St. Gallen und Albert Kaufmann aus Muolen. Von deren Ansinnen hatte die Öffentlichkeit am 3. August aus der Zeitung erfahren. Die Exil-St.-Galler vermachten dem Kanton zum Jubiläum ein Löwenpärchen aus dem Zoologischen Garten von Pretoria, sie wollten damit der Hoffnung Ausdruck geben, «dass ihre Belange bei Volk und Behörden des Kantons St. Gallen auch in Zukunft die gleiche sympathische Beachtung finden, wie dies bis anhin der Fall war». Die Löwen, so die Ankündigung, sollten am offiziellen Jubiläumsfestzug vom 22. August teilnehmen, «um nachher ihr ständiges Heim im Zürcher Zoologischen Garten zu beziehen, da St. Gallen leider über keinen eigenen Zoo verfügt». Letzteres war für den begeisterten Redaktor ein «Wermutstropfen im Begrüssungspokal».

Vorerst aber herrschte Freude. Am Festumzug zog eine Schar jubelnder Kinder einen Wagen mit einem kleinen Löwenkäfig durch die Stadt. Und für viele Festbesucher seien die zwei putzigen Tiere das eigentliche Highlight des Umzugs gewesen, heisst es im Typotron-Heft «Gallus & Pretoria», das 2012 zum Gallus-Jubiläum erschien. Wegen des Erfolgs wurden sogar Postkarten mit Gallus und Pretoria gedruckt.

Die Begeisterung war so gross, dass einige St. Galler nicht mehr von den Löwen lassen wollten. Als nächste Möglichkeit für einen Auftritt bot sich die noch junge Olma an. So konnten Gallus und Pretoria im Herbst des gleichen Jahres in einem Gehege bei der Voliere im Stadtpark nochmals bestaunt werden. «Zweifellos wird dies eine grosse Attraktion für alt und jung werden», prophezeite das «Tagblatt» am 3. Oktober – und rückte schon am Tag nach der Messe-Eröffnung ein Bild des Löwenpärchens in seinen «kleinen Olma-Bilderbogen».

Die Vorstellung, die St. Galler Löwen nach der Olma wieder Zürich zu überlassen, wollte jedoch manch einem nicht in den Kopf. «Die Idee, für die beiden Staatslöwen in St. Gallen ein Heim zu schaffen, verdichtete sich», schreibt Théo Buff in seinem Buch «St. Gallen – Eine Stadt, wie sie nie gebaut wurde». Ein Komitee aus hochrangigen Persönlichkeiten nahm sich der Sache an. St. Gallen habe ohnehin nicht übermässig viele Sehenswürdigkeiten, ein Zoo mit den Löwen und weiteren Tieren käme da gerade recht, wurde argumentiert.

Der Zürcher Zoo fürchtet keine Konkurrenz

Es wurden Standorte geprüft in der Mülenenschlucht, im Gebiet Au in Bruggen, beim Gübsensee, auf dem Freudenberg, im Brand, in der Liebegg, im Tal der Demut, an der Ruckhalde, beim Burgweiher und auf Peter und Paul. Es wurden Experten beigezogen, die auch die klimatische Tauglichkeit der Stadt als Zoo-Standort begutachten sollten. Zirkusdirektor Rolf Knie wurde ebenso befragt wie Heini Hediger, der Direktor des Zürcher Zoos – der den St. Gallern Mut machte. In der Vorahnung wohl, dass ihm da nie und nimmer Konkurrenz erwachsen würde.

Tatsächlich versandete das Projekt eines Kleinzoos auf Peter und Paul, der zuletzt als Standort im Fokus stand, im Lauf des Jahres 1954. Nicht unwesentlich deshalb, weil die Ortsbürgergemeinde als Besitzerin des Geländes nichts wissen wollte von einem Nebeneinander von Alpentieren und exotischen Raubtieren.

So blieben die Löwen als St. Galler Leihgabe in Zürich, bis sie 1958 in den Zirkus Knie kamen. Gallus starb bald darauf an einer Lungenentzündung, Pretoria tourte noch zehn Jahre mit dem Zirkus durch die Schweiz. Und so ist es dem Kanton Thurgau vorbehalten, St. Gallen im kommenden Herbst wieder zur Löwenstadt zu machen. Das Motto des diesjährigen Olma-Gastkantons heisst «De Leu isch los».