LIPPENLESEN: Weil das Leben keine Untertitel hat

Menschen mit Hörminderung werden oft ausgegrenzt und isoliert. Das zu ändern, ist seit 100 Jahren die Mission von Pro Audito St. Gallen.

Margrith Widmer
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Ein Hörgerät hilft nur begrenzt: Um einer Konversation zu folgen, ist Lippenlesen eine gute Ergänzung. (Bild: Gary John Norman/Getty Images)

Ein Hörgerät hilft nur begrenzt: Um einer Konversation zu folgen, ist Lippenlesen eine gute Ergänzung. (Bild: Gary John Norman/Getty Images)

Margrith Widmer

stadtredaktion@tagblatt.ch

Im Jubiläumsjahr rückt der Verein Pro Audito das Motto «Hephata» in den Fokus. «Hephata» bedeutet «Öffne dich» und ist ein Appell an alle Menschen – mit oder ohne Hörminderung. «Hephata» war auch der ursprüngliche Name von Pro Audito, vor 100 Jahren hiess der Verein noch so. Ab 1932 folgten mehrere Umbenennungen. Seit 1985 trägt der Verein seinen heutigen Namen.

Am vergangenen Freitag feierte Pro Audito sein 100-jähriges Bestehen im Freudenbergsaal des St. Galler Rathauses. Stadtrat Nino Cozzio begrüsste die 60 Teilnehmenden.

Die Technik gleicht nicht alle Schäden aus

Zur Frage, ob es in einer Zeit der technisch ausgereiften Hörgeräte überhaupt noch andere Hilfsmittel für Menschen brauche, die wenig oder schlecht hören, sagt Urs Meier-Zwingli, der Präsident des Vereins Pro Audito: «Das ist ein weit verbreiteter Fehlgedanke.» Die Technik könne Hörschädigungen oft nicht vollständig ausgleichen: «Dann kann Lippenablesen enorm viel helfen.»

Menschen mit Hörminderung werden von vielem ausgeschlossen. Dazu reichen laute Nebengeräusche oder Hände vor dem Mund – und schon können Hörbehinderte einer Konversation nicht mehr folgen. «Viele ziehen sich zurück, meiden den Kontakt und vereinsamen», sagt Meier-Zwingli.

Darum begann Pro Audito vor 100 Jahren, Lippenablese-Kurse anzubieten. «Auch heute noch ergänzt Lippenablesen die Hörgeräte und macht damit die Konversation verständlicher und einfacher», so Meier-Zwingli. Zudem zeigten Studien, dass Lippenablesen die Sprachverarbeitung im Gehirn intensiviere.

Beim Lippenablesen werden Augen und Ohren trainiert, um besser verstehen zu können. Das erfordert Übung. In den Trainingskursen von Pro Audito lernen Teilnehmende, das Lippenablesen als Ergänzung zum Hörgerät zu nutzen. Erfahrungsgemäss werden die besten Ergebnisse in Gruppen erzielt. Die Trainings von Pro Audito vermitteln Wissen und praktische Übungen und sind Muntermacher für alle Teilnehmenden.

Mozarts «Zauberflöte» für alle

Pro Audito hat die Fachhochschule St. Gallen mit einer breit angelegten Umfrage beauftragt. Dabei werden die heutigen Bedürfnisse von Menschen mit Hörhandicap untersucht. Die Erkenntnisse werden für die Angebote genutzt und garantieren auf diese Weise zeitgemässe Kurse. Ausserdem will Pro Audito im Jubiläumsjahr die Bedeutung des Lippenablesens in der Öffentlichkeit mit einer Werbekampagne bekannter machen. Dazu wurden ein Werbefilm, eine Plakatkampagne und eine Website geschaffen: Sie werden in Kürze in St. Gallen zu sehen sein.

Zu den Angeboten von Pro Audito gehören auch Kurse über Verständigungstraining, harmonische Bewegungen für das Gleichgewicht und Gedächtnistraining in Arbon und St. Gallen; an einem Gratisschnupperabend für das Verständigungstraining können Interessierte einen Einblick ins Kursangebot bekommen.

Der Höhepunkt des Jubiläumsjahrs ist am 7. Juni: Im Presswerk in Arbon führen rund 200 Mitwirkende, darunter ein professionelles Solistenensemble, die «Zauberflöte» von Wolfgang Amadeus Mozart hörbehindertengerecht auf.

www.ablesen.ch