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Liebe Politiker, liebe Pädagogen – entspannt euch!

Jürg Ackermann
Nicht jeder kann ein Albert Einstein werden. Auch weiterhin wird es Kinder mit ungleichen Fähigkeiten geben, die sich zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich entwickeln. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Nicht jeder kann ein Albert Einstein werden. Auch weiterhin wird es Kinder mit ungleichen Fähigkeiten geben, die sich zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich entwickeln. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Wenn es um Kinder und Familie geht, hört der Spass auf. Kaum ein Gegenstand wird derart emotional diskutiert wie die Frage nach dem vermeintlich richtigen Zusammenleben und der richtigen Erziehung. In ein Wespennest gestochen haben diese Woche drei St.Galler CVP-Politiker. In einem Vorstoss fordern sie ein Gesetz, um alle Eltern in obligatorische Erziehungskurse schicken zu können. Denn viele fühlten sich überfordert und hilflos, so die banale wie irritierende Begründung. Nur mit einer frühzeitigen Unterstützung des Staates könnten die Eltern die Erziehung meistern.

Der Vorstoss der St.Galler CVP-Politiker erinnert an den Tanten-Artikel von Eveline Widmer-Schlumpf. Die damalige Justizministerin wollte 2009 in einem Überreglementierungs-Wahn Onkel und Grosseltern zwingen, staatliche Bewilligungen fürs Kinderhüten einzuholen und Kurse zu besuchen. Erst nach empörten Reaktionen zog sie ihr Begehren wieder zurück. Dass die Kritik auch am CVP-Vorschlag heftig ausfallen wird, ist fast so sicher wie das Amen in der Kirche. Zu Recht fragt man sich: Steht es denn so schlecht um die Erziehung ? Ist es den Eltern nicht zuzutrauen, dass sie vielleicht auch einmal ein Buch lesen, wenn sie in Erziehungsfragen am Berg stehen – oder dass sie sich freiwillig an eine Fachstelle wenden? Und ist nicht davon auszugehen, dass sich viele Eltern schon vor der Geburt ein paar Gedanken machen und spätestens dann in die Elternrolle hineinwachsen, wenn das Kind da ist?

Es lässt auf jeden Fall tief blicken, wenn mittlerweile selbst Mitte-Politiker derartige Massnahmen fordern, die jeder Eigenverantwortung spotten und entscheidende gesellschaftliche Entwicklungen ausblenden. So schlecht wie die CVP suggeriert, kann es gar nicht laufen. Die Jugendkriminalität sinkt Jahr für Jahr. Noch nie waren die Eltern im Zuge späterer Familiengründungen so reif und beruflich etabliert wie heute. Noch nie wurde eine Generation von Kindern so früh gefördert und hatte so viele Möglichkeiten wie die jetzige.

Während unsereins im Kindergarten vor allem mit Playmobil oder Bauklötzen spielte, lernen heute Fünfjährige in einzelnen St.Galler Kindergärten bereits lesen. Dass sie dabei auch Fragebogen ausfüllen, wo sie über ihre Fähigkeiten beim Basteln oder über ihre Rolle im Umgang mit Gleichaltrigen reflektieren, ist schon fast eine Selbstverständlichkeit. Und wenn sich das kleinste Problem feinmotorischer, sprachlicher oder psychologischer Natur einstellt, steht eine Schar von Sonderpädagogen bereit.

Natürlich ist Erziehung kein Kinderspiel. Natürlich ist es in einer immer komplexer werdenden Welt nicht immer leicht, den Kindern bleibende Werte zu vermitteln. Natürlich ist es eine tägliche Herausforderung, alle Ansprüche unter einen Hut zu bringen, wenn beispielsweise Papi und Mami arbeiten gehen.

Doch war Erziehung jemals wirklich einfach? Anstatt noch mehr Aktivismus zu entfalten und mit immer neuen Frühförder-Programmen das pädagogische Fuder zu überladen, wäre es hilfreicher, einmal tief durchzuatmen und sich ein paar grundsätzliche Umstände in Erinnerung zu rufen: Ja, es wird auch weiterhin Kinder mit ungleichen Fähigkeiten geben, die sich zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich entwickeln. Ja, wir werden weiterhin in einer Gesellschaft leben, in der die totale Chancengleichheit eine Utopie bleiben wird – bei aller Frühförderung, bei aller Sonderpädagogik, bei aller Qualität unseres Bildungssystems. Schwächen und Begabungen gehören zum Leben. Es kann nicht jeder ein Roger Federer oder ein Albert Einstein werden. Das zu akzeptieren wäre eine Leistung. Der CVP-Vorstoss tut das Gegenteil. Er geht davon aus, dass Erziehungspflichten grundsätzlich vernachlässigt werden – und stellt damit alle Eltern unter Generalverdacht.

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