Lichtblick für die Hochstämme

MÖRSCHWIL. Es ist eine Kunst für sich, Hochstämme zu schneiden. Guido Schildknecht, Präsident der Vereinigung Hochstammobstbau, setzt sich dafür ein, dieses Wissen an die junge Generation weiterzugeben – und die Hochstammlandschaften zu retten.

Nina Rudnicki
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Die Äste eines Hochstamms gilt es so zu schneiden, dass die Sonnenstrahlen gleichmässig jede Stelle des Baumes erreichen: Guido Schildknecht (rechts) zeigt Christian Wick das Handwerk. (Bild: Ralph Ribi)

Die Äste eines Hochstamms gilt es so zu schneiden, dass die Sonnenstrahlen gleichmässig jede Stelle des Baumes erreichen: Guido Schildknecht (rechts) zeigt Christian Wick das Handwerk. (Bild: Ralph Ribi)

Drei bis vier starke Leitäste und eine stabile Mitte – das sei ein guter Aufbau für einen gesunden Jungbaum, erklärt Guido Schildknecht. Jetzt zu Frühlingsbeginn und bevor alles wieder zu wachsen beginnt, schneidet er die letzten der Hunderten von Hochstammbäumen. Als Landwirt und Präsident der Vereinigung Hochstammobstbau Schweiz weiss Schildknecht genau, worauf es dabei ankommt. «Dieses Wissen weiterzugeben, ist eine der wichtigsten Aufgaben», sagt er. «Vor allem die jungen Leute müssen wir für die Arbeit mit den Hochstämmen motivieren.» Deshalb hilft an diesem Tag der Nachbarssohn Christian Wick mit und schaut bei Schildknecht ab, worauf es bei der Schneidetechnik hauptsächlich ankommt.

Oben schlank und unten breit

«Die Hochstämme sind Zeitzeugen. Sie sind die Bäume unserer Vorfahren», sagt Schildknecht. Die Hochstammkultur habe sich über Jahrhunderte entwickelt. Und genau das sei das Spezielle daran. Auf der Erde wachse alles dort von alleine, wo es zu Hause sei. «Wo gibt es sonst noch so schöne Wiesen mit so vielen jungen und alten Bäumen?», fragt er.

Doch wieso schneidet man die Hochstämme überhaupt anstatt sie einfach wachsen zu lassen? «Der Baum ist dankbar für die Pflege. Würden wir das nicht machen, hätte er keinen Aufbau», sagt Schildknecht. Dann würde er wie eine Esche in die Höhe wachsen. Darunter litte dann die Qualität des Obstes. «Der Baum wäre untenherum kahl und zwar genau an jenen Stellen, an denen wir gerne die Früchte hätten», sagt er. Ein gepflegter Baum hingegen sei unten breit und oben schlank, so dass möglichst viel Sonnenlicht durch die Blätter und Äste dringe. Hinzu kommt laut Schildknecht, dass die Hochstammlandschaften auch für die Tierwelt wichtig sind. 40 verschiedene Vogelarten würden hier ihr Zuhause finden, was einen Fünftel aller heimischen Vogelarten ausmache.

Von all dem erzählt der 70jährige Bauer an diesem Tag also Christian Wick – ganz zu schweigen von den vielen Details und Feinheiten, die es zu beachten gilt. Der 22-Jährige hat im Vorfeld bereits einen zweiwöchigen Hochstammpflege-Kurs der Kantonalen Zentralstelle für Obstbau besucht. «Ein solcher Kurs ist eine gute Grundlage», sagt Schildknecht. «Aber damit ist man noch lange kein Profi. Das dauert mindestens 20 Jahre.» Deshalb sei es wichtig, bei jemandem, der das Metier beherrsche, mitzuhelfen und weiter zu lernen.

Für die Bäume kämpfen

Dass die Hochstämme überhaupt noch existieren, bezeichnet Schildknecht als ein Wunder. Denn als sich 2007 der Feuerbrand ausgebreitet hat, sei man bis vor das Bundesverwaltungsgericht gegangen, um die Bäume davor zu retten, gefällt zu werden. Jetzt, fünf Jahre später, gehe es den Hochstämmen besser denn je, sagt er. «Umso tragischer ist es, dass so viele andere Bäume der Region umsonst gefällt wurden.»

Aber wie weiter? «Was soll man machen, wenn wieder mal ein Feuerbrand kommt?», fragt Schildknecht. Voraussagen könne man das ja nicht. Die meisten befallenen Bäume seien aber von sich aus gesundet. Daher sei es wichtig, dass man jetzt Versuche mache und nach biologischen Mitteln suche, die Krankheit der Bäume zu bekämpfen. Nur so könne man Rodungen verhindern. «Mein Traum ist es, dass sich die Hochstammlandschaften wieder ausbreiten», sagt er und zitiert aus dem Mörschwiler-Lied «Mis Dörfli» einige Verse: «Es zücht sich still am Hügel hin mis Heimatdörfli, Hus a Hus. S'stoht z'metzt i grüene Bäume drin und guggt gar fröndli drus.»