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Liberale gegen Konservative

In diesem Jahr wird der Schweizerische Studentenverein 175 Jahre alt. Gestartet wurde das Jubiläumsjahr letzte Woche im St. Galler Kantonsratssaal. Die Wurzeln der konservativen Jugend der 1840er-Jahre liegen im Kulturkampf.
Margrith Widmer
Bekennen Farbe: Zwei Mitglieder des 175 Jahre alten Schweizerischen Studentenvereins unterhalten sich im Kantonsratssaal. (Bild: Ralph Ribi)

Bekennen Farbe: Zwei Mitglieder des 175 Jahre alten Schweizerischen Studentenvereins unterhalten sich im Kantonsratssaal. (Bild: Ralph Ribi)

Gegründet wurde der Schweizerische Studentenverein (StV) vor dem Sonderbundskrieg, am 31. August 1841. Er ist der Dachverband der katholisch-konservativen, farbentragenden, nichtschlagenden Verbindungen der Schweiz. Seine Mitglieder tragen ein rot-weiss-grünes Band und je nach Sektion Mützen in verschiedenen Formen und Farben.

Der StV formierte sich als politische Bewegung christlich-konservativer Studenten, als Reaktion auf den progressiv-liberalen Schweizerischen Zofingerverein und damit als Reaktion gegen Liberalismus und Radikalismus. An diese Wurzeln erinnerten sich rund 140 StV-Mitglieder an ihrer Jubiläumsfeier vom vergangenen Donnerstag im St. Galler Grossratssaal und danach auf einem Stadtrundgang. Dessen Titel lautete «Kulturkampf in drei Posten».

Ein Bund fürs Leben

Er trage keine Farben, gestand Regierungsrat Benedikt Würth in seinem Grusswort. Der Akademische Klub, dem er angehört, habe zwar dem StV beitreten wollen, allerdings unter der Bedingung, keine Farben tragen zu müssen. Ein St. Galler Regierungsrat trägt indes Farben: Martin Gehrer (v/o Baldrian). Der StV sei ein Bund fürs ganze Leben; er biete Freundschaften, die man ein Leben lang pflege. Würth zitierte dazu ein studentisches Bonmot: «Mens sana in Campari soda.»

Stadtrat Nino Cozzio erinnerte an den «Wahrheitsfreund», das Organ der Katholisch-Konservativen von 1835 bis 1863: «Die katholische Wahrheit gegen alles Unkatholische.» 1833 errangen die Liberalen einen Erdrutschsieg: Sie eroberten die Mehrheit im St. Galler Grossen Rat und sogar im Katholischen Kollegium. Den typisch st. gallischen liberal-konservativen Gegensatz habe man noch gespürt, als es 2015 um eine Verlegung des Stadtparlaments in den Kantonsratssaal ging.

Rokoko-Figuren entfernt

Die Pfalz, so Staatsarchivar Stefan Gemperli (v/o Moral), sei die Residenz des Fürstabts gewesen, der ursprünglich in einer turmähnlichen Burg ausserhalb der Mönchsgemeinschaft gelebt habe. Erst im 16. Jahrhundert zog er in die heutige Bleibe des Bischofs. St. Gallen war die grösste Abtei des deutschen Reichs. Die Pfalz wurde 1760 erbaut, der Grossratssaal, der Thronsaal des Fürstabts, wurde 1780 mit Rokoko-Figuren ausgeschmückt und mit einem Leuchter, der von einem Adler gehalten wurde.

Als die Pfalz vom Kanton übernommen wurde, war sie die Zentrale des jungen Staats: Die Rokoko-Symbolik passte nicht zu einem freiheitlichen Staatswesen. Der Saal wurde in der Formensprache der Renaissance umgebaut – mit Anklängen an die republikanische Idee eines freiheitlichen Staatswesens. Einzig der Stuhl des Ratspräsidenten ist als Relikt aus der fürstäbtischen Zeit übriggeblieben.

Kampfzone Schule

Kampfzonen des Kulturkampfs waren Schule und Ehe. In Marbach wurde die Prozession mit Baldachin durch hohe Bäume und Sträucher vor Häusern der Protestanten behindert. Die Evangelischen wurden daher per Vertrag verpflichtet, die Bäume zu stutzen; ein Kirchenverwaltungsrat prüfte dies genau nach.

Nach einem Wahlsieg der Liberalen bekriegten sich Katholiken und Protestanten auf hohem Niveau mit Kampfschriften und Karikaturen: Die «Roten» waren die Katholiken, weil sie «bäuerisch» waren und ihre Kardinäle rote Roben trugen. Die Liberalen waren die «Schwarzen». Trotzdem entstanden in dieser Zeit die gemischt-konfessionelle Kantonsschule und die Musterstrafanstalt St. Jakob (auf dem heutigen Olma-Areal in St. Gallen).

Kampf bis aufs Messer

In Altstätten gab es katholische und reformierte Metzger, Wäscherinnen, Abendunterhaltungen und Schlittelwege: Katholiken schlittelten auf der alten Stossstrasse, Reformierte auf der neuen. An höchsten Feiertagen ärgerte man sich gegenseitig: Die Katholiken brachten am Karfreitag Gülle auf ihren Wiesen aus. An Fronleichnam kam jeweils die Retourkutsche.

Die hohe Mauer um den Klosterbezirk sei 1566 erstellt worden, sagte Stefan Sonderegger, Stadtarchivar der Ortsbürgergemeinde St. Gallen, am StV-Jubiläumsanlass vom vergangenen Donnerstag. St. Gallen war eine wirtschaftliche Macht. Ab 1450 lief sie Konstanz den Rang ab. Die St. Galler Spezialität waren Leinentücher: Lohnweber auf dem Land stellten sie her.

Die verschwundenen Kamele

Anhand des Erkers am Haus «Zum Pelikan» zeigte Sonderegger, wie die weitgereisten Städter in der alten Stadt St. Gallen repräsentierten: Vier Kontinente sind auf diesem Erker abgebildet; der Pelikan ist das Symbol der Aufopferung, das Symbol für Jesus. Der Umgang von Stadt und Kloster miteinander war unzimperlich. Vadian etwa beschrieb aus städtischer Sicht den Abt und seine Entourage als «Werwölfe».

Auch andere Erker in der St. Galler Altstadt weisen auf weltläufige Kaufherren hin. Am Kamel-Erker an der Schmiedgasse fehlen heute allerdings die Kamele. Der Erker wurde von einem anderen Haus übernommen – und am neuen Ort hatten die Trampeltiere keinen Platz mehr. Sie sind heute im Historischen Museum untergebracht.

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